Artwork; Phoenix und Jett (Valorant)
Der neue Taktik-Shooter »Valorant« von Riot Games startet am 2. Juni als Free2Play-Spiel

Was für ein Déjà-vu! Ich schleiche in Valorant vorsichtig über die Flanke, um einen Gegner von hinten zu überraschen. Damit rechnet der nicht, denke ich Taktikfuchs mir. Plötzlich: Schüsse von der Seite! Bevor ich überhaupt reagieren kann ich, fällt meine Spielfigur tot um. Ein Schelm hatte sich hinter einer Kiste versteckt.

»Blöder Camper!« schießt es mir durch den Kopf. Und da erinnere ich mich an das erste Mal, als mir derlei Ärger anno dazumal in Counter-Strike passierte. Nutzer dieser fiesen Spielweise nennen es »taktisches Abwarten«, die euphemistische Umschreibung für das bei Spielern verhasste Campen in Multiplayer-Shootern. Lange ist es her, als ich den Begriff zum ersten Mal hörte.

Kaum zu glauben, aber Counter-Strike hat sich in zwei Dekaden kaum verändert.

Heute wundere ich mich, wenn die Teamkollegen nicht mehr wissen, wie Counter-Strike als Mod für Half-Life eine Revolution entfachte, die auch 20 Jahre später noch nachklingt. Dieses Spiel dominierte die LAN-Partys und Kinderzimmer der frühen Nuller-Jahre und brachte den eSports hervor, wie er heute von Millionen Fans gefeiert wird. Kaum zu glauben, aber Counter-Strike hat sich in zwei Dekaden kaum verändert. Und trotzdem begeistert es weiterhin viele Spieler.

Zum Glück gibt es Zeitzeugen, die von Magazinen dafür bezahlt werden, über die »gute, alte Zeit« zu schwadronieren. Leute wie mich, die dann wie Archäologen einer vergangenen Epoche der Spielgeschichte die alten Erinnerungen ausgraben. Gerade dann, wenn der frühen Steinzeit der Taktik-Shooter gerade eine Art zyklische Rückkehr bevorsteht.

Als hätte Riot Games ebenfalls gecampt, Verzeihung, taktisch abgewartet, um den Shooter Valorant vorzustellen. Auf den Moment gelauert, bis der letzte alte Sack sein erstes Kind im Arm hält, sein Hobby beiseitelegt und dann, zack! »Hier, nehmt Valorant. Es ist definitiv NICHT Counter-Strike.« Das obige »Zitat« ist natürlich frei erfunden, aber ich bleibe dabei: Valorant erinnert nicht nur auf den ersten Blick an den Taktik-Urvater, es ist im Kern Counter-Strike! Der einzige signifikante Unterschied sind Helden und Skills, die bei genauerer Betrachtung aber nur wie eine Erweiterung der Granaten in CS funktionieren.

Ich hatte die Gelegenheit, Valorant als einer der ersten Journalisten bei Riot Games in LA anzuspielen. Auch konnte ich mit den Entwicklern sprechen. Während sie den Begriff Counter-Strike tunlichst vermeiden, spricht eine Personalie mehr als tausend Worte: Der Ex-CS-Profi und Map-Designer von de_cache, Sal »Volcano« Garozzo, entwickelt die Spielwelten von Valorant.

Während der Beta-Phase habe ich meine Eindrücke dann vertieft und die Vielzahl an taktischen Möglichkeiten kennengelernt. Mehr als das, ich bin regelrecht in alte eSports-Muster zurückgefallen: Habe das präzise Waffenspiel trainiert, meine alte Form wiedergefunden, mit fremden Leuten über die besten Taktiken gefachsimpelt, mich über nervige und coole Skills der Agents geärgert und gefreut, zur Kontrolle in den Spiegel geguckt, ob ich plötzlich wieder 16 bin. Bin ich nicht, aber ich fühle mich ein bisschen so.

Vom Grundgerüst her ähneln sich Counter-Strike und Valorant wie Zwillinge. Während der kleine CS von konservativen Eltern aufgezogen wurde, durfte der kleine Valorant in einem Hipster-Haushalt die coolen Seiten des Lebens kennenlernen.

Die Parallelen zwischen den beiden Shootern sind nicht zu übersehen: Als Modus von Valorant spielen wir derzeit nur eine Variante des Bombenmodus von Counter-Strike. Ein Team aus fünf Spielern muss eine Bombe zu einem von mehreren Orten bringen, platzieren und zur Explosion bringen. Das Gegnerteam muss das verhindern, also unter Umständen die Bombe entschärfen.

Der Aufbau der Level ist sehr ähnlich. Verteidiger erreichen die Bombenorte logischerweise als Erstes. Quer über die Map verteilte Deckungen sorgen dafür, dass die Kämpfe ausgeglichen verlaufen. Die Hindernisse sind sogar so geschickt platziert, dass keine hoffnungslos über- oder unterlegenen Spielsituationen entstehen. Zwischen den Bombenorten bestehen Gelegenheiten, zu »rotieren«, also schnell von einem zum anderen Ort zu gelangen, falls die Taktik das erfordert.

Das Basis-Bewegungsrepertoir bei beiden Taktik-Shootern ist nahezu identisch. Wir rennen standardmäßig und führen mit Shift den Schleichschritt aus. Sowohl in Valorant als auch CS ist das oft taktisch sinnvoll, um unsere Position nicht zu verraten.

Das Waffenspiel von Valorant ist fast eins zu eins aus Counter-Strike übernommen. Es gibt die beliebten Modelle aus der großen Vorlage auch in Valorant, dort halt in einer Fantasie-Variante. Aber auch die Nachbauten haben vergleichbares Schussverhalten, ein vordefiniertes Rückstoßmuster – und wollen gemeistert werden, um kompetitiv erfolgreich spielen zu können. Wie in CS sind die Schüsse sehr stark – wenige Treffer reichen, um einen Gegner aus der Runde zu nehmen.

Ass (Valorant)
»Valorant« zielt besser aufs Belohnungszentrum als »CS:GO«. Haben wir das komplette Gegnerteam allein besiegt, feiert uns »Valorant« mit coolen Sounds und einem triumphanten Jingle.

Unterschiede zwischen Valorant und CS sind zwar ebenfalls vorhanden, allerdings überwiegend nicht so gewichtig für das Gameplay.

Als Elefant stehen natürlich die Helden alias Agenten von Valorant im Taktik-Raum. Jeder Spieler wählt einen Agenten für die Dauer eines Matches. Mit spezifischen Skills bringt jeder Charakter eigene taktische Möglichkeiten, etwa offensive Manöver wie tödliche Wurfmesser, Support-Skills wie das Heilen von Verbündeten oder Aufklärung wie einen Scanner-Pfeil. Die Skills sind nützlich, aber überlagern das Gameplay nicht, wie es etwa in Overwatch der Fall ist. Stattdessen sind sie eher ein taktisches Werkzeug, wie bei Rainbow Six: Siege.

Bei den Waffen haben wir etwa eine praktische Visiervorrichtung, die uns erlaubt, etwas reinzuzoomen und das Rückstoßmuster durch die Position des Fadenkreuzes live beim Schießen zu erkennen. Ohne Zoom bleibt das Crosshair zentriert und lediglich die Kugeln fliegen in Richtung ihres definierten Pfades.

Und damit hat es sich im Groben mit den Unterschieden. Ich spiele Valorant, aber mein Muskelgedächtnis denkt, es spielt Counter-Strike: Global Offensive. Ein derart frecher Klon könnte Riot Games eine Menge Ärger, Spott und Ablehnung einbringen. Tut es aber nicht.

Für mich steht fest: Valorant ist mein neues Counter-Strike.

Warum eigentlich? Für mich ist der Fall klar: Weil Valorant richtig Bock macht! Riot stellt die richtigen Weichen, kopiert wo es sinnvoll ist und denkt weiter, wo weitergedacht werden muss. Erst nach etlichen Spielstunden ist mir die Spieltiefe von Valorant richtig bewusst geworden. Für mich steht fest: Valorant ist mein neues Counter-Strike – weil es sich trotz der vielen Ähnlichkeiten gerade frisch genug anfühlt, um mir eine neue Herausforderung zu geben.

Sorry CS, alter Freund. Es muss schlimm für dich sein, denn alles was du mir beigebracht hast, nutze ich nun, um in Valorant erfolgreich zu spielen. Aber vielleicht bekommst du mich (und manchen anderen Überläufer) ja zurück, wenn du auf Source Engine 2 wechselst, wie Gerüchte vorhersagen. Aber vielleicht wartet CS-Entwickler Valve noch taktisch ab, bis der erste Hype um Riots neuestes Baby vorbei ist. Wenn das Phänomen Valorant uns eines lehrt, dann dass eine Verjüngungskur für ein angestaubtes Spielprinzip manchmal wahre Wunder wirken kann.

Valorant ist ab sofort für PC erhältlich und kostenlos spielbar.