Travis Scott; Ladebildschirm (Fortnite)

Christopher Nolan gilt als einer der einflussreichsten Regisseure unserer Zeit. Mit Memento hatte er auf sich aufmerksam gemacht, mit Insomnia in Form von Al Pacino und Robin Williams gleich zwei Schauspiel-Legenden inszeniert, um sich anschließend mit der The Dark Knight-Trilogie auch beim Mainstream-Publikum einen Namen zu machen. Heute ist er dank weiteren erfolgreichen Produktionen wie Inception und Interstellar aus dem Blockbuster-Kino nicht mehr wegzudenken.

Etwa 205 Millionen US-Dollar soll das Budget seines kommenden Films Tenet betragen. Als der erste Teaser exklusiv im IMAX-Kino gezeigt wurde, ist kein Cent dieser gigantischen Summe an das Unternehmen IMAX geflossen. Denn die 205 Millionen US-Dollar ergeben nur das reine Produktionsbudget. Für das Marketing, also auch Trailer, kommen bei Filmen dieser Größe noch einmal etwa zwei Drittel der Produktionskosten hinzu, also etwa 130 Millionen US-Dollar. Einen nicht geringen Anteil dieser gigantischen Summe dürfte Spiele-Entwickler Epic Games kürzlich erhalten haben.

»Fortnite« überall

Erstmals wurde der zweite Trailer zu Nolans Tenet in Epic Games’ Fortnite gezeigt, einem ursprünglich als Zombie-Survival-Game konzipiertem Spiel, das sich grundlegend veränderte. Die erfolgreiche Devise lautete nämlich »Battle Royale«. Ganz nach dem Vorbild von PlayerUnknown’s Battlegrounds kann man sich seitdem mit 99 anderen Spielern auf eine Map begeben, während sich die Spielwelt von Zeit zu Zeit verkleinert. Das Spielprinzip ist einfach: Der letzte Überlebende gewinnt.

Epic Games selbst hielt Spieler mit ständigen Updates an der Stange. In der ersten Season startete man mit Mittelalter-Motiven über Superhelden-Figuren, Piraten-Szenarien bis hin zu spannenden Zeitreisen inklusive des Schwarzen Lochs, das gleich das ganze Spiel (gewollt) offline stellte und damit die Season beendete. Also eigentlich mit allem, was das Kinder-Herz so begehrt und befriedigt. Dabei ist Fortnite erst ab 12 Jahren freigegeben. Und doch wissen inzwischen nicht nur die 12-, sondern auch 10-Jährigen, wer Deadpool ist, obwohl der doch gerade erst mit zwei Rated-R-Filmen beim erwachsenen Mainstream-Publikum angekommen ist. Auch der von Ryan Reynolds verkörperte Antiheld bekam ein Fortnite-Skin.

Doch Fortnite ist inzwischen mehr als nur ein Videospiel. Nicht nur der Tenet-Trailer wurde im Spiel gezeigt. Zuvor hatte US-Rapper Travis Scott ein ganzes Konzert vor 12,3 Millionen Fortnite-Spieler weltweit gegeben und auch Musikproduzent Marshmello wagte bereits das Experiment eines digitalen Konzerts.

Die große Vision des Metaverse

All das sind rein objektiv betrachtet überragende Marketing-Aktionen. Diverse Branchen profitieren voneinander: Epic Games vom Marketing-Budget von Tenet, Christopher Nolan und das Filmstudio von der Aufmerksamkeit 78,5 Millionen monatlicher Nutzer. Was Epic Games mit Fortnite vormacht, ist eine Vision, dessen Begriff ihren Ursprung im Science-Fiction-Roman Snow Crash hatte. Eine Vision, die schon seit mehreren Jahren im Silicon Valley realisiert werden sollte. Eine Vision, die als nächste Evolutionsstufe des Internets gilt: Das Metaverse.

All das sind rein objektiv betrachtet überragende Marketing-Aktionen.

Dieser gemeinsam genutzte virtuelle Raum ist permanent online, auch wenn die nutzende Person nicht selbst aktiv ist. Ein Ort mit eigenem Wirtschaftssystem, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und digitalem Medienkonsum. Steven Spielberg und seine Roman-Verfilmung von Ready Player One zeigten auf der Kinoleinwand, wie das Metaverse aussehen könnte. Es wird als eine Welt dargestellt, in der die Grenze der Realität die eigene Fantasie ist. Doch obwohl das im Film als Oasis beschriebene Metaverse in der Theorie klar war, so ist die Umsetzung komplizierter.

Den Anfang machte Second Life. Die Online-3D-Infrastruktur für unendliche Welten erlaubte es, mit anderen virtuell zu interagieren, spielen, handeln und kommunizieren. Doch sowohl Second Life, als auch der Virtual-Reality-Nachfolger Sansar konnten in der Praxis nicht so überzeugen, wie erwartet. Über die Jahre versuchte auch Google, Virtual Reality mit dem günstigen Google Cardboard massentauglich zu machen. In diesem Jahr soll außerdem Facebook Horizon starten, eine Social-VR-Welt, die an die Oasis aus Ready Player One erinnert – inklusive der Funktion, eigene Inhalte in einer eigenen, digitalen Umwelt zu erstellen. Doch die Oberhand im Wettbewerb um das Metaverse scheinen nicht die Unternehmen aus dem Silicon Valley zu haben, sondern eben Fortnite-Entwickler Epic Games.

Mehr als nur ein Videospiel

Fortnite hat den Metaverse-Status zwar noch nicht erreicht. Doch als soziales Netzwerk und unübersehbares kulturelles Phänomen hat Epic Games mehrere entscheidende Vorteile in diesem Wettbewerb. Während Virtual Reality nach wie vor ein teures und immer noch massenuntaugliches Unterfangen ist, gibt es bei Fortnite keinerlei Einstiegshürden – zumal das Spiel kostenlos ist, zumindest so lange, bis man Echtgeld für In-Game-Währung ausgibt. Epic Games’ CEO Tim Sweeney macht keinen Hehl daraus, Fortnite zu mehr als einem Videospiel etablieren zu wollen. »Fortnite ist ein Spiel«, twitterte er im Dezember 2019. »Aber stell diese Frage noch mal in 12 Monaten.«

Werbepartner könnten ihre Produkte in virtuelle Welten so gezielt bewerben, dass Nutzer direkt erreicht werden. Vorstellbar ist auch, dass nicht mehr nur auf Internetseiten Kleidung gekauft wird, sondern direkt im Spiel. Der Vorteil für Spieler: Sie müssten das Spiel nicht mal mehr verlassen, zumal sie es ohnehin schon gewohnt sind, ihren Avataren regelmäßig neue Outfits zu verpassen.

In einer Zeit, in der Corona-bedingt nicht nur unzählige Video-Chats stattfinden, sondern sich auch in Spielen, wie Animal Crossing oder Red Dead Redemption 2 getroffen (oder sogar geheiratet) wird, könnte die Umsetzung eines Metaverse ein ganzes Stückchen nähergekommen sein.

Im Sommer soll gleich ein ganzer Film des Tenet-Regisseurs in Fortnite gezeigt werden. Christopher Nolan dürfte damit bald nicht mehr nur als einflussreicher Regisseur, sondern auch als einflussreicher Wegbegleiter des Metaverses gelten. Die ersten Schritte sind getan. Jetzt fehlt nur noch die Technologie, Millionen von Spieler gleichzeitig in einem virtuellen Raum zu sammeln.