Logo (Disney+)

Am 18. April 1983 startete der Disney Channel in Nordamerika. So konnte man damals schon Zielgruppen-orientiert Familien und Kinder über Kabelfernsehen direkt erreichen. Heutzutage sieht die Distribution von Videoinhalten etwas anders aus. Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon Prime und Sky Ticket liefern sich einen immer schneller werdenden Wettkampf um noch schneller produzierte Inhalte für die Masse. Kein Wunder also, dass der Micky-Mouse-Konzern 36 Jahre nach dem Launch des Disney Channels auch im Streaming-Geschäft ein Wörtchen mitreden will. Und wie!

Mit Disney+ startete der Medien-Gigant im letzten Jahr seinen eigenen Video-Streamingdienst. Durch die Akquise von Entertainment-Riesen wie Pixar, Marvel, Lucasfilm und 21st Century Fox hatte man inzwischen so viele Marken in seinen Reihen, dass die Zuschauerschaft Unmengen an Inhalten erwarten konnte. Zu Beginn lockte man direkt mal mit einer der stärksten Marken: Star Wars. So sind nicht nur alle Filme und Animationsserien zu sehen, sondern dank The Mandalorian gleich mal die erste Live-Action-Serie im Krieg der Sterne. Weitere Ankündigungen folgten, vor allem die Pläne rund um Marvel-Serien schürten einen enormen Hype. Doch es waren bisher eben nur Ankündigungen. Neue Original-Inhalte waren neben The Mandalorian und der nachgereichten letzten Staffel von The Clone Wars eher rar.

Key Art (The Mandalorian)

Und doch startete Disney+ direkt mit einem Knall: Am 24. März, dem europäischen Start-Tag, wurde Disney+ bereits fünf Millionen Mal heruntergeladen. Fünf Monate später hatte man weltweit bereits mehr als 50 Millionen zahlende Abonnenten vorzuweisen. Das ist schon jetzt ein Drittel der Abonnenten von Amazon Prime – ein voller Erfolg!

Höchstwahrscheinlich dürfte auch der Corona-Virus zu einem großen Maße für die immens steigenden Käufer-Zahlen verantwortlich sein. Eltern konnten neben ihren Homeoffice-Tätigkeiten und neben ihrem plötzlichen Lehrer-Dasein so auch mal eine Pause einlegen. Ganz dem Motto »Setzt Kinder vor Disney+, sie werden glücklich sein«. Doch schauen wir ins eigentliche Portfolio von Disney, hat der Konzern eigentlich noch mehr zu bieten als »nur« familienfreundlichen Inhalt.

Filme, die hierzulande ab 16 oder gar ab 18 freigegeben sind, wird es bei Disney+ also (vorerst) nicht geben.

1984 gründete der Mutterkonzern Touchstone Pictures (heute ABC Studios), eine hauseigene Produktionsfirma, zu der Produktionen wie Con Air und Starship Troopers zählen, die eindeutig an ein erwachsenes Publikum gerichtet waren. 1995 gehörten fortan auch ABC und ESPN zu Disneys Portfolio. Und inzwischen hatte man auch 20th Century Fox für satte 71 Milliarden US-Dollar aufgekauft. Und trotzdem sind dessen Rated-R-Produktionen wie Deadpool oder die Kingsman-Reihe nicht auf Disney+. Denn der Konzern hatte bereits frühzeitig angekündigt, auf dem hauseigenen Streaming-Dienst ausschließlich PG-13-Inhalte anzubieten. Filme, die hierzulande ab 16 oder gar ab 18 freigegeben sind, wird es bei Disney+ also (vorerst) nicht geben, auch wenn man bereits wissen ließ, dass Rated-R-Filme weiterhin produziert werden.

Die Familienfreundlichkeit wird sogar so weit ad absurdum geführt, dass der 1984 erschienene Tom-Hanks-Film Splash – Eine Jungfrau am Haken rigoros zensiert wurde – dabei ging es doch nur um ein Hinterteil.

Halten wir also fest: Nicht nur an frischer Original-Ware mangelt es Disney+ im Vergleich zu Netflix und Amazon Prime etwas, auch Rated-R-Filme fehlen gänzlich. Das heißt aber nicht, dass man auf Disney+ nicht auch allein oder ohne Kinder im Haus unterhalten wird. Denn allen voran die Dokumentationen stechen hervor.

Dank National Geographic werden tolle Natur- und Tier-Dokumentationen, aber auch die atemberaubende Doku Free Solo angeboten, die den Freeclimber Alex Honnold bei seinem Traum begleitet, den 1.000 Meter hohen Felsen »El Capitan« ohne Absicherung zu bezwingen – was Disney zurecht einen Oscar bescherte.

Alex Honnold (Free Solo)

Das wahre Leben kann manchmal eben doch spektakulärer sein als Marvel-Blockbuster. Wer von der echten Welt und ihren Geschichten nicht genug bekommt, dem sei The World According to Jeff Goldblum wärmstens ans Herz gelegt. Der vor Charme trotzende Goldblum zeigt darin seine humorvolle Sicht auf die Welt der alltäglichen Dinge: Ob Eiscreme, Tattoos oder Fahrräder … was auch immer so banal klingt, packt Goldblum in einen Kranz voller unterhaltsamer, verrückter Geschichten.

Wer mal einen Blick hinter die Kulissen von Disney und Hollywood werfen möchte, wird außerdem mit der Disney Galerie, Disney Insider und Disney Requisiten glücklich. Daneben finden sich auch Sportfilme wie Gegen jede Regel, Miracle – Das Wunder von Lake Placid und Unbesiegbar – Der Traum seines Lebens, die sich ebenso wunderbar alleine genießen lassen.

Warum nicht einfach alle Disney-Inhalte weltweit auf einer Plattform bündeln? Oder gar auf zwei Plattformen?

Die Frage ist, ob diese einzelnen Angebote nach einer regelmäßigen Nutzung nach mehreren Monaten denn überhaupt noch ausreichen. Warum nicht einfach alle Disney-Inhalte weltweit auf einer Plattform bündeln? Oder gar auf zwei Plattformen? Schließlich besitzt Disney nicht nur den ABC-Studios-Katalog und das 20th-Century-Fox-Portfolio voller Erwachsenen-Unterhaltung, sondern auch den Streaming-Anbieter Hulu, der bisher nur in den USA und in Japan erhältlich ist. Inzwischen hat Disney die volle Kontrolle über den Videodienst, womit einem europäischen Launch nichts mehr im Weg stehen könnte. Helfen würde es immens, um der Konkurrenz von Netflix, Amazon & Co. die Stirn bieten zu können und den Streaming-Wettkampf eines Tages zu gewinnen. Anders als in einem sportlichen Wettlauf wird Disney die Ziellinie jedoch nie überqueren können. Denn der Weg ist das Ziel. Schließlich geht es im Wettkampf um die zahlenden Streaming-Kunden höher, schneller, weiter. Ohne Ziellinie. Ohne Ende. Unaufhaltsam.

Quellen: techcrunch.com, www.forbes.com und www.theverge.com