Key Art (Final Fantasy VII Remake)

Als vor vielen Monaten verlautbart wurde, dass Final Fantasy VII Remake kein 1:1-Remake, sondern eine moderne Neuinterpretation darstellen soll, war ich etwas skeptisch. Dann beichtete Square Enix auch noch, dass nur ein Teil der Originalstory den Weg ins Remake findet. Diese Meldung versetzte die Fans in regelrechte Panik. Schließlich ist Final Fantasy VII das beste Rollenspiel aller Zeiten und jede Abweichung von der kultigen RPG-Formel ein potenziell blasphemischer Akt.

Dass der Release ewig auf sich warten ließ und mehrmals verschoben wurde, schürte die Angst zusätzlich. Nun ist Final Fantasy VII Remake endlich da und ich weiß immer noch nicht so recht, ob es ein erstklassiges oder »nur« ein sehr gutes Rollenspiel ist.

Nach dem Finale hatte ich 38 Stunden Spielzeit auf der Uhr und die Zeit verging wie im Flug. Ich wurde blendend unterhalten und habe unvergessliche Szenen erlebt, aber gleichzeitig musste ich mich über viele Kleinigkeiten ärgern. Das beginnt schon bei der unausgegorenen Präsentation, die zwar viele Höhepunkte bietet, aber genauso häufig enttäuscht. Unheimlich detaillierte Hauptfiguren stehen im krassen Gegensatz zu lieblos gestalteten Nebencharakteren und armselig texturierten Umgebungsobjekten. In einem Moment klappt mir die Kinnlade runter, weil das Geschehen auf dem Screen absolut bombastisch wirkt und eine Minute später stehe ich in einem Hinterhof, der aus einem PS3-Spiel stammen könnte.

Ein Epos beginnt

Alles dreht sich um Cloud Strife, dem ehemaligen Mitglied einer sagenumwobenen Spezialeinheit. Heute verdingt er sich als Söldner und unterstützt die von Barret Wallace angeführte Widerstandsbewegung Avalanche bei diversen Sabotage-Aktionen gegen den Shinra-Konzern. Die edlen Absichten der Umweltschutzaktivisten interessieren ihn nicht – es geht ihm nur um die Kohle. Das ändert sich relativ schnell, als er von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Mehr möchte ich nicht verraten, denn die Story macht einen großen Teil der Faszination aus.

Wall Market (Final Fantasy VII Remake)

Selbst Kenner des Originals erleben im Laufe des Abenteuers ein paar spannende Überraschungen. Tatsächlich halte ich das Storytelling für die größte Stärke des Remakes, da es Square Enix gelungen ist, altbekannte Elemente in einem frischen Zusammenhang zu präsentieren. Als Fanboy habe ich diverse Gänsehautmomente erlebt, die mich trotz vieler Fremdschämdialoge voll abholen konnten.

Tatsächlich halte ich das Storytelling für die größte Stärke des Remakes.

Apropos: Vor allem Barret, der bärbeißige Anführer von Avalanche, haut immer wieder kitschige Sprüche raus, die mich an der Qualitätskontrolle von Square Enix zweifeln lassen. Stellenweise wirkt Barret wie eine muskulöse Version von Greta Thunberg und das ist keine Übertreibung meinerseits. Vielleicht macht aber genau das den Charme des Titels aus, schließlich war auch das Original ein regelrechtes Kitsch-Sammelsurium. Final Fantasy war in puncto Emotionalität schon immer over the top und somit muss man dem Remake in dieser Hinsicht eine originalgetreue Adaption bescheinigen.

Welt der Schläuche

In der Vorlage konnte man eine große Welt bereisen, doch Final Fantasy VII Remake beschränkt sich auf die Stadt Midgar. Das mag erst einmal mickrig klingen, doch wie bereits erwähnt, ist man mit der Kampagne über 30 Stunden beschäftigt. Mangelnden Umfang kann man dem Remake somit nicht vorwerfen. Während die Spielwelt 1997 noch aus vorgerenderten Umgebungen bestand, erlebt ihr nun eine in Echtzeit berechnete 3D-Welt mit vielen Details. Wenn ihr durch die Slums wandert, werdet ihr mit unzähligen NPCs konfrontiert, die ihrem Alltag nachgehen und sich lautstark mit ihren Mitmenschen unterhalten. Fast jeder Figur hat man Sprachausgabe spendiert und ich möchte gar nicht wissen, wie viele Dialogzeilen Text für dieses Spiel getippt werden mussten.

Artwork; Aerith (Final Fantasy VII Remake)

Eine offene Spielwelt gibt es übrigens nicht, sondern viele Einzelabschnitte mit schlauchiger Levelstruktur. Damit es nicht zu linear wird, sind abseits der Hauptrouten diverse Sackgassen und Abzweigungen zu finden. Hier verstecken sich fast immer Kisten und andere Goodies, die uns für den kleinen Umweg belohnen.

Die Qualität des Leveldesigns schwankt ganz schön. Es gibt viele karge Abschnitte, in denen man sich regelmäßig verläuft, weil alles gleich aussieht. Oft wusste ich nur deshalb, dass ich einen Gang schon mal betreten hatte, weil die Kisten bereits geöffnet waren. Allerdings gibts auch Highlights, mit mehrstöckiger Level-Architektur und motivierenden Schalterrätseln. Final Fantasy VII Remake ist wirklich eine qualitative Achterbahnfahrt und jedes Mal, wenn man enttäuscht wird, folgt irgendein geiler Moment, der uns wieder dafür entschädigt.

Active-Time-Battle-Mischmasch

Das neue Kampfsystem hat mich zu Beginn etwas ratlos gemacht. Es wirkt recht anspruchslos und scheint wildes Gedrücke der Angrifftasten zu belohnen. Allerdings ändert sich das recht schnell und man muss sich wirklich reinfuchsen, um gegen dickere Gegner zu bestehen. Das System erinnert an die Echtzeitkämpfe von Final Fantasy XV, punktet aber mit deutlich mehr Finesse. Normale Angriffe können jederzeit auf Knopfdruck ausgeführt werden und füllen praktischerweise die ATB-Leiste (Active Time Battle) der Spielfigur. Diese ermöglicht wiederum den Einsatz von Special Moves und Magie. Durch geschicktes Vorgehen lassen sich die Feinde zudem in eine Art Schockzustand versetzen, der sie verwundbarer macht.

Die Beschwörungen aus dem Original wurden ebenfalls verändert. Ist die entsprechende Anzeige gefüllt, holt ihr mächtige Verbündete aufs Schlachtfeld, die euren Feinden richtig einheizen und enormen Schaden verursachen. Dass jedes Team-Mitglied besondere Stärken und Schwächen hat, unterstreicht den taktischen Anspruch zusätzlich. So ist Cloud mit seinem Schwert gegen Fußvolk effektiv, während Barrets MG-Armprothese perfekt ist, um fliegende Gegner vom Himmel zu holen. Sämtliche Elemente des Kampfsystems sind perfekt miteinander verzahnt.

Was beinahe unverändert aus dem Original übernommen wurde, ist das sogenannte Materia-System. Diese magischen Steine lassen sich aus- und aufrüsten, um den Spielfiguren besondere Fähigkeiten zu verleihen. So lassen sich auf unkomplizierte Weise maßgeschneiderte Character-Builds erstellen. Ich halte das System für sehr ausgefeilt und intuitiv, aber ein Stück weit ist das sicherlich Geschmacksache. Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Spieler ein deutlich umfangreicheres Ausrüstungssystem gewünscht hätten. Nicht umsonst bieten moderne RPGs umfassende Rüstungssets mit Handschuhen, Beinschienen, Brustpanzern und so weiter. Final Fantasy VII Remake geht hier deutlich reduzierter zur Sache.

Like a Boss

Ein wahres Fest sind die fulminanten Boss-Battles. Diese sind absolut bombastisch in Szene gesetzt und sorgen für filmreife Momente. Ihr solltet aber unbedingt den einfachen Schwierigkeitsgrad meiden, sonst gestalten sich die Scharmützel viel zu einfach. Die Verhaltensmuster der Bosse zu studieren und sich die richtige Taktik zurechtzulegen, macht unheimlich Spaß. Dass die Team-Mitglieder das Geschehen lautstark kommentieren, finde ich ebenfalls sehr gelungen. So lassen sie Cloud etwa wissen, wenn er besser in Deckung gehen sollte oder eine Lücke in der Verteidigung des Gegners erkennbar ist.

Cloud (Final Fantasy VII Remake)

Über jeden Zweifel erhaben ist auch die Klangkulisse. Der Soundtrack klingt absolut großartig und serviert euch astrein orchestrierten Classic-Melodien mit Ohrwurmcharakter. In Kombination mit der verschwenderischen Sprachausgabe und fetten Soundeffekten entsteht ein mitreißender Klangteppich, der das Geschehen auf dem Screen perfekt begleitet.

Ich wurde fast 40 Stunden toll unterhalten.

Fazit: Final Fantasy VII Remake ist ganz anders als erhofft und nicht frei von Mängeln. Beispielsweise hat mir die nervöse Kameraführung so manchen Kampf vermiest und auch die schwankende Grafikqualität trübt den hervorragenden Gesamteindruck ein wenig. Man muss Square Enix aber sehr hoch anrechnen, dass sie eine Neuinterpretation auf die Beine gestellt haben, die Neueinsteiger und Fans des Originals gleichermaßen befriedigt. Ich wurde fast 40 Stunden toll unterhalten und freue mich schon darauf, den Titel im »Hard-Mode« erneut durchzuspielen.

Final Fantasy VII Remake ist ab dem 10. April 2020 für PlayStation 4 erhältlich.