Key Art (Stellaris: Console Edition)

Stellaris hat neulich eine Erweiterung bekommen: Federations. Als Fan von Globalstrategiespielen, auch 4X genannt, wurde ich sofort hellhörig. Also bin ich wieder eingetaucht in die oft verblüffenden und manchmal unfassbaren Geschichten, die dieses nerdige Weltraum-Strategiespiel erzählt.

Denn neben komplexer Spielmechanik, die mitunter sogar regelrecht in Arbeit ausartet, treiben zufällige Ereignisse im Universum einer Partie einzigartige Handlungsstränge voran. Und die entwickeln ob der prozeduralen Natur der Strategie-Sandbox jedes Mal wieder ihre ganz eigene Narrative.

Der Genrename 4X steht übrigens für den Gameplay-Loop dieser groß angelegten Spiele: explore, expand, exploit, exterminate (zu Deutsch: Erkunden, Expandieren, Ausbeuten, Vernichten).

Diplomatische Optionen (Stellaris: Federations)
Die Erweiterung fügt unter anderem neue diplomatische Optionen hinzu

In diesem Special will ich anhand von Stellaris und dem neuen Add-on Federations ergründen, was 4X für mich einzigartig macht, warum mich dieses Genre so fasziniert und was ich persönlich gerne in Zukunft sehen würde.

Einzigartig durch Spieltiefe

Komplexität in Computerspielen mag manche Spieler eher abschrecken. Viele wollen sich nach Feierabend lieber berieseln lassen, etwas simpleres Spielen. Einfache Unterhaltung genießen, anstatt ein 4X-Spiel zu beackern, das sich manchmal wie ein zweiter Job anfühlt.

In Stellaris kontrolliere ich nicht einzelne Einheiten wie in anderen Strategiespielen, sondern das gesamte Bestreben meines Volkes. Ich will meine Spezies zu den Sternen führen, neue Welten besiedeln, eine schlagkräftige Flotte befehligen. Mithilfe wissenschaftlicher Forschung neue Technologien entdecken, meinen Einflussbereich ausweiten und wertvolle Ressourcen verdienen, um immer größer und größer zu werden.

Lichteffekte (Stellaris: Federations)
»Stellaris« sieht für ein 4X-Spiel unverschämt gut aus

Mit dem Add-on Federations, wie bei den Erweiterungen zuvor, werden die Möglichkeiten noch komplexer und das Gameplay noch tiefgängiger. Ich kann nun diplomatische Gesandte zu anderen Völkern schicken, um die Beziehungen zu verbessern (oder zu verschlechtern). Ich kann Föderationen gründen, einem galaktischen Senat beitreten und mit den dazugehörigen demokratischen Mechanismen spielen.

Jeder Spielertyp findet sich in anderen Spielweisen wieder. Während einer in Call of Duty entspannt seine Kumpels über den Haufen ballert, schießt der nächste lieber locker-flockig Tore in FIFA. Obwohl ich beides ebenfalls spiele, führt das Gameplay bei mir eher zu Anspannung und Stress. Entspannung dagegen setzt ein, wenn meine Gedanken völlig in den komplexen Verästelungen einer Spielmechanik verstrickt sind – wie in Stellaris.

Faszination Narrative

Dies ist mein Volk. Ich habe es selbst erstellt, fast eine Stunde am Aussehen, der Hintergrundgeschichte und den politischen Feinheiten gearbeitet. Ich habe den Namen selbst bestimmt: Die Zwergische Union.

In meinem Kopf hat es auf der Erde nie Menschen gegeben, wie du und ich welche sind. Stattdessen ist eine Spezies von Zwergen die dominante Art. Und diese kurzbeinigen Bergarbeiter und Ingenieure (was sonst?) führe ich jetzt hinauf zu den Sternen!

Große Flotte (Stellaris: Federations)
Als Anführer einer Spezies können wir große Flotten aus Kampfschiffen kommandieren

»In meinem Kopf« ist ein gutes Stichwort, denn dort spielt sich bei Stellaris eine Menge ab. Wo ein äußerer Betrachter nur einen Bildschirm mit leuchtenden Sternen und kryptischen Tabellen sieht, sehe ich das nächste Sternsystem in meinem Einflussbereich. Welche Ressourcen ich dort gewinnen kann, ob sich der aride Planet für meine Spezies eignet oder ich Terraforming betreiben muss.

Ich sehe die strategische Bedeutung eines Systems, das als Chokepoint zu meinem fanatisch-militaristischen Nachbarn fungieren könnte, aber Unmengen an Ressourcen für den Ausbau einer mächtigen Verteidigungsstation verschlingen würde.

Es ist meine Story, niemand sonst wird genau diese Dinge erleben, genau diese spielerischen Entscheidungen treffen und mit den entsprechenden Konsequenzen leben müssen.

Ich sehe einen Mond mit einer archäologischen Ausgrabungsstätte darauf. Hier soll mein erfahrenster Wissenschaftler herausfinden, warum die gesamte Oberfläche mit riesigen geometrischen Formen überzogen ist, die unmöglich natürlichen Ursprungs sein können.

Was diesen kleinen Ausschnitt aus der Geschichte einer Partie besonders macht: Es ist meine Story, niemand sonst wird genau diese Dinge erleben, genau diese spielerischen Entscheidungen treffen und mit den entsprechenden Konsequenzen leben müssen. 4X ist für mich eine sehr persönliche Spielerfahrung und das fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Flottengefecht (Stellaris: Federations)
Flottengefechte in den Weiten des Alls sorgen für kräftige Lasergewitter

Die Zukunft: Casuals und Nerds müssen versöhnt werden

Dass nicht jeder Strategie-Fan meine Begeisterung teilt, ist verständlich. Nicht jeder hat Lust, sich erst stundenlang in ein Spiel einzuarbeiten. Selbst mit den Ingame-Tutorials und unzähligen hilfreichen YouTube-Videos ist die Lernkurve von Stellaris steil.

In der Zukunft sehe ich noch viel Potenzial im Genre. Allein die Federations-Erweiterung hat die Spielerzahlen von Stellaris auf Steam in neue Rekordhöhen katapultiert. 64.000 gleichzeitig aktive Spieler haben fast den Allzeit-Rekord von 68.000 gebrochen.

Dabei dürfte auch die relative Einsteigerfreundlichkeit von Stellaris eine Rolle spielen. Ein Tutorial erklärt alle wichtigen Elemente, während man spielt. Hinzu kommen Funktionen, die das Spielerlebnis im späteren Verlauf einer Runde übersichtlicher gestalten.

Grenzen (Stellaris: Federations)
Im Endgame hat sich jede Spezies ihr Territorium gesichert

Automatisierungen für Planeten und Sektoren etwa lassen auf Wunsch die KI unsere Welten verwalten. Im Endgame wäre sonst erhebliches Mikromanagement nötig, wenn wir etwa 15 Planeten besiedelt haben und gleichzeitig Krieg an mehreren Fronten führen. Auf Wunsch können wir aber auch alles stets selbst handhaben.

Wenn 4X-Strategiespiele in Zukunft auch abseits einer Hardcore-Spielerschaft neue Interessenten finden wollen, müssen sie Neulinge von Anfang an stärker an die Hand nehmen. Dabei muss aber unbedingt die Balance zwischen Zugänglichkeit und Spieltiefe gelingen. Hardcore-Fans würden es einem 4X vermutlich schwer verzeihen, wenn es zugunsten von Einsteigern beim Kern-Gameplay abflachen würde.

Stellaris hat diesen Fehler zumindest nicht gemacht. Ich finde auch nach etlichen Durchläufen immer noch neue Geschichten, die mich überraschen und meine Fantasie anregen. Und das ist neben dem Tiefgang eines der besten Argumente, warum ich immer wieder zu Paradox‘ Weltraum-4X zurückkehre.

Die Erweiterung Stellaris: Federations ist am 17. März 2020 für PC erschienen.