Key Art (Journey)
»Journey« ist großartig – trotz einer Spielzeit von gerade einmal zwei Stunden

Diese Industrie schläft nie. Sie steht für Innovationen, nach denen wir lechzen. Und so erwarten wir schon voller Vorfreude und Tatendrang die neuen Spiele, Konsolen und Trends des neuen Jahres.

Doch dabei dürfen wir niemals vergessen, zu welchen Kosten wir uns dieser Form von Eskapismus bedienen. Crunching, toxische Arbeitskultur und ausgebrannte Entwickler werden mehr thematisiert als jemals zuvor. Ignoriert werden diese Probleme also nicht mehr, doch Lösungen wurden bisher kaum gefunden. Denn dazu ist kaum Zeit. Die Zahnräder drehen sich schneller denn je. Diese Industrie schläft eben nie.

Logo (Rocket Beans TV)
Sandro Kreitlow arbeitet als Games-Redakteur bei Rocket Beans TV

Auch wenn die großen Drei – Electronic Arts (9), Ubisoft (6) und Activision (3) – im vergangenen Jahr insgesamt nur noch 18 statt wie 2008 noch ganze 98 Titel veröffentlichten, so erschienen 2019 mehr Spiele in einem Jahr als jemals zuvor. Waren es 2014 noch 1.771 neu erschienene Titel auf Steam, wurden 2018 schon 9.050 Games veröffentlicht, ehe die Anzahl im aktuellen Jahr im fünfstelligen Bereich liegen dürfte.

Hinzu kommen noch Mobile Games, Early-Access-Titel sowie exklusive Konsolenspiele, ganz zu schweigen von Streaming. Die Möglichkeiten zu spielen scheinen grenzenlos zu sein. Höher, schneller, weiter: Das ist die Gegenwart von Games.

Mut zur Kürze

Aber nicht nur die Möglichkeiten und die Auswahl an Spielen wachsen, sondern dank Updates, Patches und Erweiterungen auch die Zeit, die wir mit jedem einzelnen Spiel verbringen. Dabei haben genug Spiele gezeigt, dass eine kurze Spielzeit nicht nur besonders effektiv beim Spieler sein kann, sondern auch erfolgreich.

Vor allem die kleinen Titel waren es, die Mut zur Kürze bewiesen. Der Titel, der maßgeblich für den Indie-Boom des letzten Jahrzehnts verantwortlich war, ist Journey. Egal, mit welchem Indie-Entwickler ich über die Einflüsse auf sein Spiels gesprochen habe, thatgamecompanys Meisterwerk stand stets Pate. Die Bedeutung von Journey ist nicht zu bestreiten und das, obwohl die Spielzeit gerade einmal zwei Stunden beträgt.

Key Art (Hellblade: Senua's Sacrifice)

Darüber hinaus hat sich neben all den kurzen Indie-Spielen in diesem Jahrzehnt eine neue Form gebildet, Videospiele zu entwickeln: Double A. Mit dem kreativen Hellblade: Senua’s Sacrifice bewies Ninja Theory, dass eine hochwertige Optik mit dem intensiven Thema der Mental Health mit gerade einmal 20 Entwicklern möglich ist, ohne eine längere Spielzeit als acht Stunden gewährleisten zu müssen.

Ähnliches zeigte auch A Plague Tale: Innocence, das eine zehnstündige, lineare Singleplayer-Geschichte erzählte, die länger hängen bleibt als so manche AAA-Produktionen, die über 100 Stunden Spielzeit abverlangen.

Doch nicht nur die kleineren Studios zeigen, dass eine kürzere Spielzeit nicht nur gehaltvoller, sondern auch erfolgreich sein kann. Mit The Outer Worlds gelang den RPG-Experten von Obsidian Entertainment der Überraschungshit 2019. Viele Elemente erinnern an Fallout, ohne aber die Spielzeit über 25 Stunden ausbauen zu müssen.

Ja, es gibt sie noch: Entwickler, die Mut zur Kürze beweisen.

Und ausgerechnet EA wagte sich kürzlich endlich wieder an ein Singleplayer-Star-Wars-Spiel von Respawn Entertainment. Nach verhältnismäßig geringen 20 Spielstunden ist Star Wars: Jedi Fallen Order bereits durchgespielt. Und die Fans der weit, weit entfernten Galaxis? Zufrieden. Ja, es gibt sie noch: Entwickler, die Mut zur Kürze beweisen.

Es müssen also nicht immer die Superlative sein. Kurze Spiele dienen ohnehin der Schnelllebigkeit der Branche und der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne der Spieler. Doch wann soll die Industrie das merken? Die Zahnräder drehen sich schließlich schneller als je zuvor. Unaufhaltsam.