Key Art (Star Wars Jedi: Fallen Order)
»Star Wars Jedi: Fallen Order« ist am 15. November 2019 für PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen

Eigentlich sollte ich es nicht öffentlich zugeben, aber ich war nie Star Wars-Fan. Tatsächlich wurde ich deshalb schon mehrmals angefeindet, denn viele Star Wars-Jünger sind extrem leidenschaftlich und pflegen eine »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«-Mentalität. Das kann ich durchaus nachvollziehen, denn Menschen, die meine Begeisterung für The Sopranos nicht teilen, setze ich ebenfalls auf die schwarze Liste. Was ich damit sagen möchte: Ich habe Star Wars Jedi: Fallen Order ohne rosa Fanboy-Brille gespielt und bin trotzdem begeistert. Respawn Entertainment hat ein hervorragendes Action-Adventure gezaubert, das keine Star Wars-Krücken braucht, um auf eigenen Beinen zu stehen. So etwas gab es schon lange nicht mehr.

Zur Story: Die Jedi sind fast vollständig ausgelöscht und das böse Imperium unterjocht einen Planeten nach dem anderen. Ihr schlüpft in die Rolle des jungen Padawan Cal Kestis, der auf einer Abwrackwerft schuftet und versucht, unentdeckt zu bleiben. Vergeblich. Bei einem Arbeitsunfall rettet er mit Hilfe der Macht einen Kollegen und gerät sofort ins Fadenkreuz der Inquisition. Mehr verrate ich nicht, denn gerade bei diesem Spiel wären Story-Spoiler unentschuldbar. Okay – dass Darth Vader zurückkehrt, um Yoda zu töten, war schon länger bekannt, aber den Rest solltet ihr selbst erleben.

Die Sache mit Vader und Yoda ist natürlich nur Spaß, aber an interessanten Charakteren mangelt es Star Wars Jedi: Fallen Order wahrlich nicht. Das könnte damit zusammenhängen, dass einige Figuren von echten Schauspielern verkörpert werden. Zum Beispiel Forest Whitaker (Last King of Scotland, Crying Game) als Saw Gerrera oder Daniel Roebuck (The Man in the High Castle, Mob City), der den Schiffs-Kapitän Greez Dritus spielt. Das Witzige ist, dass der Schauspieler Daniel Roebuck null Ähnlichkeit mit der Figur des Captains hat und seine Persönlichkeit trotzdem irgendwie durchschimmert. In einem Interview hat er mal verraten, dass seine Greez-Dritus-Performance eine Hommage an die Schauspiellegende Ernest Borgnine darstellt. Hinter der Hauptfigur Cal Kestis steckt Cameron Monaghan, den viele von euch aus den US-Serien Shameless und Gotham kennen dürften. So, das war genug Film-Nerd-Geschwafel. Kommen wir zum Gameplay.

Astreines Action-Adventure

Spielerisch fühlt sich Star Wars Jedi: Fallen Order wie eine Mischung aus The Force Unleashed, Tomb Raider und Sekiro an. Cal Kestis erkundet im Laufe seines Abenteuers gleich mehrere Welten und dabei wird nicht nur sein Lichtschwert strapaziert, sondern auch die grauen Zellen und akrobatischen Fähigkeiten. Das verschachtelte Leveldesign mutet zuweilen selbst wie ein Rätsel an, da man sich immer wieder die Frage stellt: »Hmm, wie komme ich da jetzt hoch?«. Ich würde nicht so weit gehen, Fallen Order als Vertreter des Metroidvania-Genres zu bezeichnen, doch es gibt eine Menge Backtracking und Abschnitte, die Cal Kestis erst betreten kann, wenn bestimmte Fähigkeiten freigeschaltet wurden. Das ist cool, weil es uns ein Gefühl der stetigen Progression vermittelt, doch leider erwarten uns hinter verschlossenen Türen oder auf hohen Plattformen viele Enttäuschungen. Wenn Cal im Laufe des Spiels zwanzigmal an einem verschlossenen Raum vorbeirennt, diesen endlich betreten kann und dort lediglich eine neue Farboption für seinen Poncho findet, fühlt man sich fast schon verarscht.

Die Spielwelt vermittelt einen gewissen Eindruck von Freiheit, obwohl die unterschiedlichen Planeten gar nicht soooooo groß sind. Es ist irgendwie befriedigend, wenn man einen Berg erklimmt und am Horizont ein Gebäude erblickt, das man erst vor einer Stunde »gesäubert« hat. Weil die Levels nicht zu weitläufig sind, haben die Entwickler übrigens auf eine Schnellreisefunktion verzichtet. Stattdessen schalten wir beim Erkunden der Spielumgebung regelmäßig Abkürzungen frei, die uns allzu lange Laufwege ersparen. Ich halte das für einen guten Kompromiss, weil man gezwungen wird, sich mit dem Leveldesign auseinanderzusetzen und die Umgebung einzuprägen. Glücklicherweise gibt es genügend markante Visuals, die der Orientierung dienen. Verwechslungsgefahr besteht eigentlich nur in Gebäuden, weil die Innenarchitektur etwas eintönig werden kann.

Second Sister (Star Wars Jedi: Fallen Order)

»Star Wars Jedi: Fallen Order« gehört zu den besten Action-Adventures der letzten Jahre

Die zahlreichen Akrobatikeinlagen sind sehr stark von Uncharted und Tomb Raider inspiriert. Cal kann Gitter und Kletterpflanzen erklimmen, an Seilen entlang sowie vereiste Abhänge herunterrutschen, bestimmte Wände entlang rennen und so weiter. Diverse Abschnitte erinnern an künstlich angelegte Kletterparks, die nicht mit der außerirdischen Architektur im Einklang stehen. Schlimmer als bei den oben genannten Vorbildern ist es aber auch nicht. Netterweise hat man bei all dem Rumgehopse auch einen Weg gefunden, Cals Machtfähigkeiten in die Parcours zu integrieren. Beispielsweise lassen sich per Schultertaste bewegliche Plattformen verlangsamen und mit dem Machtstoß verschiedene Barrikaden aus dem Weg räumen.

The Art of Fighting

Sturmtruppen, Monster und böse Buben mit dem Lichtschwert zu vermöbeln, hat definitiv ein ganz eigenes Flair. Alleine schon der Sound wirkt total episch und umso schöner finde ich, dass man nicht nur die Optik, sondern auch den Sound des Lichtschwerts verändern kann. Im weiteren Spielverlauf schaltet ihr mit Erfahrungspunkten neue Angriffe, Skills und Machtfähigkeiten frei. Bestimmte Upgrades sind an den Story-Fortschritt gebunden und das hält die Kampagne frisch. Immer wenn die Motivation abzuflachen droht, kommt das Spiel mit neuen Elementen oder epischen Szenen um die Ecke. Was mir an den Kämpfen gefällt, sind die anspruchsvollen Gegner, die taktisches Vorgehen erfordern. Genau wie in Dark Souls, Sekiro und Co müsst ihr im richtigen Augenblick blocken, ausweichen und parieren. Wer keinen Bock auf schwierige Kämpfe hat, ändert einfach den Schwierigkeitsgrad. Dieser bestimmt die Höhe des eingehenden Schadens, aber auch die Aggressivität der Gegner und das »Paradefenster«. Auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad lassen sich Attacken, dank eines großzügiger bemessenen Zeitfensters, deutlich einfacher parieren.

Cal mit gezücktem Lichtschwert vor riesigem Alien (Star Wars Jedi: Fallen Order)

Fazit: Ich hätte mir zwar ein paar mehr Machtfähigkeiten gewünscht und geheime Abschnitte mit bedeutsameren Belohnungen, dennoch habe ich jede Sekunde genossen. Star Wars Jedi: Fallen Order ist nicht nur gut, weil es endlich mal wieder klassischen Singleplayer-Abenteuerspaß im Krieg der Sterne-Universum bietet. Es wäre auch ohne die Lizenz eine Empfehlung wert und gehört zu den besten Action-Adventures der letzten Jahre.

Star Wars Jedi: Fallen Order ist am 15. November 2019 für PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen.