Key Art (Pokémon Schwert und Schild)
»Pokemon Schwert« und »Pokemon Schild« wurden am 15. November 2019 für die Nintendo Switch veröffentlicht

Wenn mich jemand nach meinen Lieblingsvideospielen fragt, landen normalerweise viele Rollen- und Strategietitel auf meiner Liste – aber auch ein Game, für das sich mancher Core-Gamer vielleicht schämen würde: nämlich Pokémon in der Blauen Edition für den Game Boy. Doch dass Pokémon Blau den Weg in den heiligen Kreis meiner Lieblingsspiele gefunden hat, kommt nicht von ungefähr. Denn als das Spiel am 5. Oktober 1999 in Deutschland auf den Markt kam, hatte ich mir gerade einen Game Boy Pocket zugelegt (ebenfalls in Blau) und befand mich in meiner ersten großen Gaming-Hochphase.

Damals kaufte ein Klassenkamerad, mit dem ich befreundet war und der direkt gegenüber von meinem Elternhaus wohnte, Pokémon Rot – und wir tauschten uns jeden morgen auf dem Schulweg darüber aus, welchen Level unser Starterpokémon schon erreicht hatte und wie viele Orden uns mittlerweile gehörten. Das Spielprinzip Pokémon fesselte mich von Anfang an und ich spielte danach fast jedes Spiel der Reihe, während ich jahrelang vergeblich hoffte, dass Nintendo doch irgendwann auch einmal ein echtes 3D-Pokémon für eine stationäre Nintendo-Konsole veröffentlichen würde.

Pokémon Schwert und Schild erfüllt mir nun – 20 Jahre nach dem Release von Pokémon Blau und Rot – endlich diesen Wunsch. Umso gespannter war ich also, wie gut es Nintendo gelingen würde, das Spielprinzip nicht zu verwässern, aber gleichzeitig frisch genug zu halten, damit es mich genauso fesseln würde wie 1999. Um es gleich vorweg zu nehmen: Pokémon Schwert und Schild gelingt diese Gratwanderung erstaunlich gut – allerdings kommt es nicht ohne ein paar kleine Kratzer im Lack ins Ziel.

Grafik zwischen Zweckmäßigkeit und Liebe zum Detail

Wer Pokémon und Nintendo kennt und liebt, weiß, was er von der Grafik eines echten Nintendo-Titels zu erwarten hat: keine Höhensprünge, aber ein stimmiges Ganzes. Genauso verhält es sich auch mit Pokémon Schwert und Schild. Das Spiel reist grafisch absolut keine Bäume aus, insbesondere die Bodentexturen wirken mitunter arg matschig und stellenweise kommt es zu deutlichem Kantenflimmern (etwa an Häusern, Leitern und Gehweggeländern).

Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Nintendo Switch nicht mit leistungsfähiger Hardware zu glänzen weiß, weshalb Pokémon Schwert und Schild durchaus ordentlich aussieht. Die Entwickler haben außerdem viel Wert auf einen insgesamt stimmigen Look gelegt, sodass jeder Spieler sich sofort heimisch fühlt und auf den ersten Blick erkennen kann, dass es sich hier um ein Pokémon-Spiel handelt. Ein zusätzlicher Pluspunkt: Mir sind in meinem Test keinerlei Framerate-Einbrüche aufgefallen – weder auf dem großen Bildschirm noch im Handheld-Modus.

Fist Bump (Pokémon Schwert und Schild)

Gewohntes Gameplay mit feinen Neuerungen

Wie bei der Grafik bleibt Pokémon Schwert und Schild auch beim Gameplay der Serientradition treu, führt allerdings ein paar schöne Neuerungen ein, die das Spielgeschehen angenehm auflockern. Zunächst einmal gibt es ein paar Quality-of-Life-Anpassungen, die mich als gediegene Pokémon-Veteranin erfreut haben aufschreien lassen: Pokémon, die unserem Team angehören, erhalten automatisch bei jedem Kampf und für jedes gefangene Pokémon Erfahrungspunkte, egal ob wir sie im Kampf eingesetzt haben oder nicht – den EP-Teiler gibt es nicht mehr. Darüber hinaus können wir von Anfang an in jede Stadt fliegen, die wir bereits besucht haben – auch hier entfällt eine bekannte Mechanik, in diesem Fall die Fortbewegung über die VM Fliegen. Außerdem bekommen wir gleich zu Beginn des Spiels ein Fluchtseil, das wir immer wieder benutzen können und das uns aus Höhlen an die Oberfläche bringt.

Diese Vereinfachungen des Spielgeschehens deuten aber bereits ein kleines Manko von Schwert und Schild an: Denn diesmal fällt der Titel ein ganzes Stück linearer aus als die Vorgänger. Wo es vorher Büsche, Steine und Wasserwege gab, die wir erst später im Spiel mit der passenden VM aus dem Weg räumen beziehungsweise überqueren konnten, schickt uns Pokémon Schwert und Schild jetzt von einer Stadt in die nächste – Ablenkungen nebenbei gibt es kaum, ebenso wenig wie Backtracking oder Belohnungen für ausgiebigen Erkundungsdrang.

Ansonsten läuft eigentlich alles wie gewohnt: Wir wählen ein Start-Pokémon und machen uns auf in die weite Welt, um der allerbeste Pokémon-Trainer zu werden. Unser bester Freund Hop ist gleichzeitig unser Konkurrent und der Bruder des amtierenden Champs. Außerdem tauchen sehr bald zwei Teilnehmer der sogenannten Arena-Challenge auf – das ist eine Art Liga, in der Trainer nach und nach alle Arena-Orden sammeln müssen, um den Champ herausfordern zu dürfen. Mary besitzt mit Team Yell ihren eigenen Fanclub, der sich uns ähnlich Team Rocket oder anderen Fieslingen aus vorigen Pokémon-Spielen immer wieder in den Weg stellt. Betys ist in etwa vergleichbar mit Gary und verspottet uns in einer Tour, auch wenn wir ihn jedes Mal im Kampf besiegen.

Dabei kommt die Story von Pokémon Schwert und Schild allerdings recht gemächlich in Fahrt, fast zu gemächlich, und Team Yell kann leider auch nicht mit vorigen Gangstern wie Team Rocket mithalten. Die Rüpel von Marys Fanclub wirken eher lächerlich als wirklich böse – da wäre definitiv mehr drin gewesen. Auch die Geschichte um die mysteriöse Helden-Legende, von der Pokémon Schwert und Schild seinen Namen hat, plätschert eher vor sich hin, als dass sie wirklich das Spiel vorantreiben könnte.

Aber Pokémon war ja noch nie für eine herausragende Erzählweise bekannt – was stattdessen zählt, sind die Kämpfe. Auch hier bleibt Pokémon Schwert und Schild dem gewohnten Prinzip der Rundenkämpfe nach Stein-Schere-Papier-Prinzip treu. Allerdings gibt es mit der Dynamaximierung eine entscheidende Neuerung: Unsere Figur erhält zu Beginn des Spiels ein Dynamax-Band, mit dem wir Pokémon unter bestimmten Bedingungen einmal pro Kampf dynamaximieren kann – das heißt, sie werden stärker und wachsen auf eine enorme Größe an. Dieses Wachstum bleibt für drei Runden bestehen, bevor die Pokémon wieder auf ihre Ursprungsgröße schrumpfen. Die Dynamaximierung will überlegt eingesetzt werden und verleiht den Arena-Kämpfen eine zusätzliche taktische Note.

Allerdings gibt es mit der Dynamaximierung eine entscheidende Neuerung.

Außerdem kommt die Dynamaximierung in sogenannten Dyna-Raids zum Einsatz. Diese finden in speziellen Pokémon-Nestern statt, die ihr in der Naturzone finden könnt – quasi die Safari-Zone von Schwert und Schild. Die Raids könnt ihr dann mit drei weiteren Spielern angehen und in deren Verlauf besondere Dynamax-Pokémon fangen.

Eine weitere große Gameplay-Neuerung betrifft die Arena-Kämpfe: Hier erwarten euch statt der klassischen Schalter-Rätsel besondere Herausforderungen, die mal in Geschicklichkeitseinlagen und mal mehr oder weniger knackigen Kopfnüssen bestehen. Habt ihr die Herausforderung der jeweiligen Arena gemeistert, erhaltet ihr Zutritt zur eigentlichen Kampfarena und dürft euch mit dem Arenaleiter messen.

Schöne Aussicht (Pokémon Schwert und Schild)

Komm und schnapp sie dir! Pokemon!

Aber ein ordentliches Pokémon-Spiel braucht freilich nicht nur coole Arena-Kämpfe, sondern auch mindestens ebenso coole Pokémon, die sich in freier Wildbahn fangen und anschließend trainieren lassen. Auch wenn die Optik dieser Pokémon in jedem Spiel der Reihe immer auch ein Stück Geschmackssache gewesen ist, muss ich an dieser Stelle leider sagen, dass ich von den insgesamt 81 neuen Pokémon aus Schwert und Schild eher enttäuscht bin.

Die Starterpokémon hauen mich nicht wirklich vom Hocker – insbesondere Intelleon sieht ziemlich lächerlich aus, kein Vergleich mit einem prächtigen Turtok. Es fehlen echte Highlights wie Absol, Gengar, Lucario oder Relaxo. Trotzdem ist Schwert und Schild kein Totalausfall und bietet ein paar coole neue Pokémon wie Bellektro (ein Elektro-Hund) oder Riffex (eine Art Gitarre spielende Echse).

Übrigens ist mir in Sachen Pokémon eine Sache wiederum sehr positiv aufgefallen: Wer durch das hohe Gras läuft, sieht die Pokémon und kann Zufallskämpfen auf diese Weise deutlich leichter aus dem Weg gehen als früher. Damit gestaltet sich der Trip zum nächsten Pokémon-Center deutlich angenehmer.

Dennoch sollte sich kein »Pokemon«-Fan »Schwert und Schild« entgehen lassen.

Fazit: Ich hatte einen Heidenspaß mit Pokémon Schwert und Schild. Nintendo hat es geschafft, in mir wieder das alte »nur noch den einen Level/Orden«-Feuer zu entfachen und dabei dem Spielprinzip trotz diverser erfrischender Neuerungen treu zu bleiben. Insbesondere die neuen Arena-Herausforderungen lockern die gewohnte Spielerfahrung ordentlich auf. Grafisch macht Pokémon Schwert und Schild außerdem genau das, was es soll – und das reicht mir vollkommen aus.

Allerdings gelingt es der Switch-Version von Pokémon nicht ganz, sich auf Platz Eins meiner Lieblings-Pokémon-Spiele vorzudrängen. Denn dafür stören mich zu viele Kleinigkeiten, die mir die perfekte Spielerfahrung ein wenig verhageln. Die Story kommt zu langsam in Fahrt, Team Yell ist einfach nur lahm und die aus früheren Teilen gewohnten Rätsel sind offenbar der Vereinfachung und Poliertheit des Spiels insgesamt zum Opfer gefallen.

Dennoch sollte sich meiner Meinung nach kein Pokémon-Fan Schwert und Schild entgehen lassen – und wer als Pokémon-Enthusiast noch keine Switch besitzt, für den könnte Schwert und Schild ein echter Kaufgrund sein.

Pokémon Schwert und Pokémon Schild wurden am 15. November 2019 für die Nintendo Switch veröffentlicht.