Key Art; Gelb (Borderlands 3)
»Borderlands 3« will uns mit Unmengen an Loot beglücken. Bei unserem Autor Christian klappt das nur bedingt.

Massig Beute gibt es in allen Loot-Shootern abzustauben, so auch in Borderlands 3. Da fliegen mir schon mal zehn Waffen und Items auf einmal entgegen, wenn ich einen von den lustigen Beute-Zwergen abschieße, bevor der durch ein Portal aus der Welt verschwindet.

Kein Wunder, dass Borderlands 3 nicht mit der kleinen Kelle austeilt, hat Entwickler Gearbox mit dem ersten Teil der Reihe das Genre der Loot-Shooter doch gewissermaßen erfunden. Da passt es gut zu den »bazillionen« Waffen, den markigen Sprüchen und den überzeichneten Charakteren, dass wir von allem einfach ein wenig zu viel bekommen.

Was mich dann doch überrascht hat: Borderlands 3 ist der erste Loot-Shooter, bei dem es mir einfach zu viel Loot ist! Ich komme kaum noch dazu, die ganzen Waffen auszuprobieren. Dabei würde ich mir gerne alle angucken, weil sie einfach so witzig kreativ sind.

Da verschießt eine Maschinenpistole schon mal bunte Schallwellen oder eine Schrotflinte wirkt auf geradezu lächerliche Distanz und hat ein Zielfernrohr verbaut. Hinzu kommen die Serien-typischen Elementar-Effekte oder Sekundärfunktionen wie Mini-Raketen. Auch nicht alle Tage sieht man das Gimmick, dass man manche leergeschossenen Waffen nicht nachlädt, sondern einfach wegwirft, woraufhin das Teil durch die Spielwelt hüpft und bei jedem Bodenkontakt ein »Au!« von sich gibt.

Das klappt einfach nicht so gut, wenn man die Hälfte der Spielzeit im Inventar verbringt

Der Loot ist also cool und spaßig. Dennoch kann es schlicht ermüdend sein, pro zehn Minuten Spielzeit je fünf Minuten seine Beute zu durchwühlen, auch weil Inventare in Loot-Shootern einfach chronisch zu klein sind. Und spätestens nach einer Stunde setzt dann so ein Scheißegal-Effekt ein und man wirft niedriglevelige Ausrüstung ohne nachzugucken weg, weil man höherstufige einsammeln möchte.

Nebenbei will ja auch die Welt erkundet, über die Charaktere gelacht und die Geschichte eingesaugt werden. Das klappt einfach nicht so gut, wenn man die Hälfte der Spielzeit im Inventar verbringt.

Loot (Borderlands 3)
Immerhin: Dieser praktische Automat spuckt den Loot aus, den man in all dem Überfluss irgendwo übersehen hat

Meckern auf hohem Niveau

Natürlich ist diese Kritik nur halb ernst gemeint. Ich kann verstehen, dass Entwickler von Loot-Shootern ihre Spieler bei der Stange halten möchten. Das funktioniert eben am besten, wenn man permanent ihr Belohnungszentrum massiert.

Aber ich denke auch, dass weniger mehr sein kann. Borderlands 3 würde mir mehr Spaß machen, wenn nur halb so viel Beute anfallen würde. Dann könnte ich mich mehr auf das eigentliche Spiel konzentrieren und weniger im von Performance-Problemen geplagten und wenig bedienerfreundlichen Inventar verbringen.

Zumal Borderlands 3 genug Qualitäten hat, die es nicht unter Bergen von Waffen verstecken muss. Das Kern-Gameplay ist super-spaßig, geht flüssig von der Hand und kann mich bestimmt hundert Stunden unterhalten. Die Charaktere und Sprüche bringen mich immer wieder zum Lachen, die chaotische Welt zieht mich in ihren Bann. Aber im Inventar verfliegt mein Optimismus schneller, als mir lieb ist.

Zumal »Borderlands 3« genug Qualitäten hat, die es nicht unter Bergen von Waffen verstecken muss

Also gehe ich dazu über, nur noch stichprobenartig zu prüfen, was das Spiel mir da hingeworfen hat und sonst mit dem Blick nur flüchtig über Wertigkeit, Waffentyp und Preis zu fliegen. So verpasse ich womöglich viele coole Waffen, auf der anderen Seite überrascht mich das Spiel so hin und wieder auch.

Spieler mit der schieren Masse an Beute zu erschlagen ist kein exklusives Problem von Borderlands 3. Auch Division 2, Destiny 2 und etwas Genre-fern auch Diablo 3 überschütten Spieler mit Beute.

Per se ist das nichts Schlechtes, aber dann muss auch das Inventar-Management stimmen, sonst ist Frust vorprogrammiert. Diese Kritik zielt aber eigentlich auf ein größeres Ganzes, das mit Loot-Shootern gar nichts zu tun hat.

Calypso-Geschwister (Borderlands 3)
So wie die beiden Schurken-Influencer in »Borderlands 3« als Parodie auf die Wirklichkeit zu verstehen sind, will auch dieser Artikel ein wenig zum Nachdenken anregen

Schlimme Parallelen

Oh Gott, werde ich etwa alt? Ich beklage mich hier doch allen Ernstes über zu viel Loot in einem Loot-Shooter. Vielleicht stört mich viel eher, wie sehr mich die Mechanismen in Borderlands 3 an die reale Überfluss- und Wegwerfmentalität der modernen Gesellschaft erinnern.

Geräte wie Smartphones, die Hunderte und vielleicht Tausende Euros kosten, haben eine Haltbarkeit von zwei Jahren. Autos werden mal eben geleast und nach einem Jahr durch ein neues ersetzt.

Warum auch aufheben, uns geht es wirtschaftlich gut und wir können uns leisten, alte Dinge eher zu ersetzen, anstatt sie möglichst lange instand zu halten. Dass diese Wegwerfkultur katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt hat, blenden wir dabei zu gerne aus.

Das Muster passt leider perfekt zum gefühlt immer schnelleren Lebensrhythmus. Wer kann allein mit all den Spiele-Neuveröffentlichungen noch Schritt halten? Selbst wenn man sich nur für ein spezielles Genre interessiert, kommt man mit dem Spielen neuer Titel kaum hinterher.

Und das sagt jemand, der beruflich mit Games zu tun hat. Obwohl ich mit meinem Hobby arbeite, spiele ich ein Spiel höchstens mal länger als 20 Stunden, wenn ich es testen muss. Selbst Meisterwerke wie Assassin's Creed: Odyssey bleiben dabei auf der Strecke, weil man einfach keine Zeit mehr für einen gepflegten 200-Stunden-Koloss hat.

FL4K (Borderlands 3)
»Borderlands 3« ist am 13. September für PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen. Außerdem wird es für den Streamingdienst Google Stadia erhältlich sein.

Auch mal entschleunigen!

Dabei bildet man sich diesen Termindruck oft auch einfach nur ein. Keiner außer man selbst zwingt einen dazu, in der eigenen Freizeit irgendeinen Druck aufzubauen. Na gut, je nach Familienverhältnis vielleicht die Freundin, Frau oder die Kinder, die komische Sachen wie »Ausflug«, »Essen« oder »auch mal Schlafen« wollen. Auch wenn es wehtut, aber man muss irgendwo Abstriche machen.

Das beste Mittel gegen den selbst auferlegten Stress ist, sich diesen Umstand immer wieder bewusst zu machen und ab und an einfach das Tempo rauszunehmen. »Entschleunigung« ist hier das Zauberwort.

So, ich erkunde jetzt Pandora in Borderlands 3. Und lasse mir dabei von der Fülle an Loot nicht die Stimmung vermiesen, sondern atme den Loot, lasse ihn durch mich hindurchfließen – werde der Loot!

Borderlands 3 ist am 13. September für PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen. Außerdem wird es für den Spiele-Streamingdienst Google Stadia erhältlich sein.