Key Art (Code Vein)
»Code Vein« ist am 27.09.2019 für PC, Xbox One und PlayStation 4 erschienen

Wir befinden uns in einer trostlosen Welt, die nach einer mysteriösen Katastrophe komplett auf den Kopf gestellt wurde. Menschen, die von seltsamen Parasiten befallen sind, kämpfen jetzt als unsterbliche Wiedergänger gegen allerlei Getier, das dem Wahnsinn verfallen scheint. Um nicht ebenso zu enden, müssen wir ausreichend Blut konsumieren, aber da es kaum noch trinkbare Menschen gibt, müssen wir Jagd auf sogenannte Blutperlen machen. Fast hätten wir es vergessen: Irgendwie leiden Wiedergänger an Gedächtnisverlust und so gilt es nicht nur die Zukunft der Überlebenden zu sichern, sondern auch die Vergangenheit unseres Wiedergängers aufzudecken.

Zum Spielstart wirkt die Flut an Informationen fast überwältigend und deshalb kann es einige Zeit dauern, bis man bei der Hintergrundgeschichte komplett durchsteigt. Das ist auch den ausufernden Fähigkeiten- und Ausrüstungssystemen geschuldet, welche die gesamte Aufmerksamkeit von Neueinsteigern fordern. Während es in anderen Genre-Vertretern eine Handvoll Charakterklassen gibt, hatten wir bereits nach den ersten 30 Minuten ein halbes Dutzend freigeschaltet. Jede Klasse bietet passive sowie aktive Offensiv- und Defensiv-Skills, die sich aktivieren und verstärken lassen. So können Feinde mit brennenden Projektilen beschossen, besonders mächtigen Schwertkombos oder schwächenden Effekten eingedeckt werden. Die getragene Ausrüstung wirkt sich ebenfalls auf die Fähigkeiten des Wiedergängers aus. Kurz: Konfigurations-Junkies toben sich stundenlang in den entsprechenden Menüs aus und basteln sich den perfekten Build.

Code Vein mischt typische Soulslike-Elemente mit etwas Anime-Grusel sowie einer dicken Portion JRPG. Man arbeitet sich vorsichtig durch eine etwas fade Endzeitkulisse, die jede Menge verwinkelter Dungeons und Ruinen bietet. Überall sind Kisten und Items versteckt, aber auch Feinde lauern buchstäblich hinter jeder Ecke. Wie es sich für einen Vertreter des Soulslike-Genres gehört, können diese mächtig einstecken und austeilen. Glücklicherweise hält das präzise Kampfsystem locker mit den besten Vertretern des Genres mit und bietet neben den bereits erwähnten Spezialfähigkeiten, auch Tasten fürs Blocken, Ausweichen und Parieren. Selbstverständlich können Gegner auch anvisiert werden, wobei das Lock-On-Feature etwas nervös reagiert, wenn man mit mehreren Feinden konfrontiert wird.

Du bist nicht allein

Was Code Vein von anderen Titeln des Genres abhebt, ist nicht nur das extrem umfangreiche Skill- und Charakter-System. Die KI-Mitstreiter bilden ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal. Auf Wunsch begleitet uns ein Team-Mitglied, das sich mit vollem Einsatz auf die Feinde stürzt. Warum sollte man sich alleine ins Ödland wagen, wenn es sich mit einem AI-Partner einfacher schnetzeln lässt? Okay, in ganz seltenen Fällen ergeben Solo-Ausflüge tatsächlich Sinn, aber meistens ist man zu zweit besser dran. Beispielsweise hatten wir im ersten Bosskampf bereits die Hoffnung aufgegeben, als der gegnerische Koloss plötzlich von unserem computergesteuerten Buddy aufs Kreuz gelegt wurde. Sauber! Dass bestimmte Charakterklassen deutlich von bestimmten Begleitern profitieren, halten wir ebenfalls für einen smarten Kniff.

Man sollte dabei nicht unter den Teppich kehren, dass die KI-Partner manchmal etwas hitzköpfig agieren. Sie kämpfen äußerst offensiv und rennen sehenden Auges ins Verderben. Manchmal verbrachten wir mehr Zeit damit, unseren Begleiter zu retten, statt uns um unsere Gegner zu kümmern. Dass fast alle Figuren altmodische Klischees bedienen und dadurch ziemlich farblos wirken, dürfte auch nicht jedem Spieler schmecken. Den Vogel schießt eine mysteriöse, knapp bekleidete Schönheit ab, die mit Vorliebe rätselhaftes Geschwurbel von sich gibt und mit einer gigantischen Oberweite ausgestattet ist.

Secondary Key Art (Code Vein)

»Code Vein« ist ein erfrischend anderes Soulslike, da es mit einer gehörigen Portion JRPG angereichert wurde

Das optische Design wirkt generell etwas innovationsarm. Code Vein kombiniert eben die typischen postapokalyptischen Versatzstücke mit JRPG- und Anime-Ästhetik. Gut: Die einzelnen Gebiete unterscheiden sich optisch stark voneinander. Schlecht: Innerhalb eines Gebiets sieht fast alles gleich aus und deshalb haben wir uns immer wieder verlaufen. Wer sich damit abfinden kann, wird mit einer tiefgängigen und extrem fordernden Erfahrung belohnt. Je tiefer man in die düstere Welt vordringt, desto größer die Sogwirkung. Ein neues Gebiet mit frischen Gegnertypen zu entdecken, begeistert jedes Mal aufs Neue. Welche Waffe oder Charakterklasse ist hier besonders effektiv? Welchen Mitstreiter sollte ich in dieses Gebiet mitnehmen? Gleich zum Boss wagen oder erst noch ein wenig grinden?

Hey, Mistel!

Wie es sich gehört, stolpert ihr in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen über Checkpoints in Form sogenannter Misteln. An diesen Gewächsen wird eure Gesundheit aufgefüllt, außerdem lassen sich gesammelte Items sowie Dunst (Ingame-Währung) in neue Fähigkeiten und Erweiterungen investieren. Dass dabei alle Gegner (Ausnahme: Bosse) zurückgesetzt werden, kennt man auch schon von Dark Souls und Konsorten. Stirbt unser Held, wird er an der zuletzt besuchten Mistel reanimiert, während der gesammelte Dunst am Ort des Todes verbleibt. Gibt man auf dem Weg dorthin erneut den Löffel ab, ist der Dunst für immer verloren. Glücklicherweise wird das Spiel nur selten unfair. Okay, in manchen Gebieten schubsten uns die Gegner einen Tick zu oft in tiefe Abgründe, aber den Controller mussten wir kein einziges Mal gegen die Wand pfeffern. Code Vein kommt also nicht ohne Trial-&-Error-Momente aus, aber auch das muss man bei diesem Genre ja fast schon als Feature bezeichnen.

Kathedrale (Code Vein)

Übrigens könnt ihr auch mit menschlichen Mitspielern durch die Dungeons hecheln. Diese lassen sich auf Wunsch gezielt über ein Passwort-System einladen, aber leider wird der Spielfortschritt nur in der »Welt« des Gastgebers gespeichert. Deshalb haben wir uns vorerst auf computergesteuerte Partner beschränkt und den Mehrspieler-Koop fürs Endgame aufgehoben. In diesem Zusammenhang sind auch die besonderen Verließkarten interessant, die man in der Spielwelt finden muss, um Zugang zu optionalen Dungeons zu erhalten.

Fazit: Code Vein ist ein erfrischend anderes Soulslike, da es mit einer gehörigen Portion JRPG angereichert wurde. Der Schwierigkeitsgrad ist knackig, wobei die Herausforderung stark von der ausgerüsteten Klasse und der Begleitung abhängt. In Sachen Optik und Akustik erwartet euch keine Sensation, doch dafür weiß die Spielmechanik zu fesseln. Die krassen Möglichkeiten der Personalisierung haben es uns besonders angetan. Es ist extrem motivierend, durch Kombination bestimmter Skills und Items, noch ein Quäntchen Zerstörungskraft aus unserem Wiedergänger zu kitzeln. Wer mit Dark Souls, Bloodborne und Co. eigentlich nichts anfangen kann, aber japanische Rollenspiele mag, sollte Code Vein eine Chance geben.

Code Vein ist am 27.09.2019 für PC, Xbox One und PlayStation 4 erschienen.