Fahnen (gamescom 2019)
Mit 373.000 Besuchern konnte die gamescom 2019 den Rekord aus dem Vorjahr knacken© Koelnmesse GmbH

Als RTL vor einigen Jahren einen berühmt-berüchtigten TV-Beitrag über die gamescom in Köln veröffentlichte, ließ die Gaming-Community einen riesengroßen Shitstorm über den Fernsehsender niederregnen. Die »stinkenden Psychos von der gamescom« waren in aller Munde. Dass die größte Publikumsmesse für Videospiele in Europa aber weitaus mehr ist als ein Versammlungsort für vermeintlich kellerkindliche Nerds, hat sie über die vergangenen Jahre hinweg mittlerweile mehr als bewiesen – man denke nur an Angela Merkels Besuch auf der Messe in 2018.

Doch gerade weil die gamescom längst im öffentlichen Diskurs des Mainstreams angekommen zu sein scheint – schließlich berichten selbst die öffentlich-rechtlichen Nachrichten über die Messe –, steigen auch die Ansprüche daran, was die gamescom ihren Besuchern bieten soll und muss. Je breiter das Zielpublikum der einstigen Nerdversammlung wird, desto mehr unterschiedliche Geschmäcker und Interessen muss die gamescom auch bedienen. Das hat in 2019 teilweise gut, teilweise aber auch weniger gut funktioniert, je nachdem, welchen Maßstab man selbst ansetzt.

Ich habe deshalb aus meiner Perspektive als einer im Prä-Internetzeitalter aufgewachsenen Gamerin meine ganz subjektiven High- und Lowlights der gamescom 2019 zusammengetragen. Subjektiv deshalb, weil jemand mit anderen Interessen, als ich sie pflege, die Messe vielleicht ganz anders empfunden hat. Ach ja, eine kurze Anmerkung vorweg: Ich konnte persönlich leider nur am Samstag auf der Messe anwesend sein – einige meiner Eindrücke mögen deshalb auf andere Messetage weniger zugetroffen haben.

Nintendo (gamescom 2019)
Die gamescom in Köln ist die weltweit größte Gaming-Messe© Koelnmesse GmbH/Thomas Klerx

Flops

Kein Blizzard, keine echten Neuigkeiten

Was mich persönlich – und viele meiner Bekannten – auf der diesjährigen gamescom insgesamt sehr enttäuscht hat, war zum einen das Fehlen eines Blizzard-Stands sowie die Ankündigung echter, überraschender und neuer Spiele. Der Blizzard-Stand zählte in den vergangenen Jahren immer zu den absoluten Must-Sees meiner gamescom-Erfahrung – deshalb hat mir in 2019 wirklich etwas gefehlt, das ich mit nichts anderem wirklich aufwiegen konnte. Dazu kommt, dass kein großer Entwickler sich für die diesjährige gamescom eine echte Neuankündigung aufgehoben hat. Zwar gab es ein paar coole Neuerungen im A- und AA-Bereich, etwa Kerbal Space Program 2. Aber ein echter Blockbuster hat in diesem Jahr gefehlt – schade, insbesondere weil die Messe sich international nach mehr Beachtung sehnt.

Zuviel Merchandise, zu wenig Indies

Zwei Hallen Merchandise? Ernsthaft? Und dafür nur eine halbe Halle Indies? Muss das sein? Ja, zugegeben, die gamescom ist eine Publikumsmesse und da wollen sich die Verkäufer keine Möglichkeit entgehen lassen, ihre Artikel an die Fans zu bringen – ganz getreu dem alten Spaceballs-Motto. Ich selber bin Merchandise zugegebenermaßen auch nicht völlig abgeneigt und besitze eine beschämend große Sammlung an Action- und Sammelfiguren sowie Collector's Editionen. Trotzdem braucht niemand zwei Messehallen voll mit Merchandise, vor allem nicht, wenn an vielen Ständen ein und dieselben Artikel zum Verkauf stehen. Warum auf der anderen Seite die Indie- und Retro-Sektion in eine einzelne Halle auf etwa der halben Gesamtfläche des Merch-Bereichs zusammengepfercht wurde, bleibt mir ein Rätsel. Dabei hatte gerade die Indie-Ecke ein paar echte Highlights zu bieten, wie etwa Floatsam oder den Speaking Simulator – ok, letzterer war mehr ein Kuriosum. Trotzdem: Hier könnte und sollte sich die gamescom ein Beispiel an der Penny Arcade Expo nehmen, die eine deutlich bessere Balance aus Merch- und Indie-Ständen bietet.

Das Labyrinth der gamescom

Das Gelände der Kölner Messe kann mitunter ganz schön unübersichtlich sein, vor allem, wenn eine Messe wie die gamescom sehr viele Hallen gleichzeitig einnimmt. Deshalb braucht es entsprechend ausreichendes Orientierungsmaterial. Die gamescom 2019 hat an diesem Punkt aber in ganzer Linie versagt: Als ich auf dem Gelände ankam, schnappte ich mir freudig eines der herumliegenden Promo-Hefte zur Messe, in der Hoffnung, darin einen Übersichtsplan über das gesamte Gelände zu finden. Fehlanzeige. Zwar gab es Pläne für jede einzelne Halle inklusive Aussteller-Listen. Ein Plan mit allen Hallen, wie er an wenigen Stellen auf dem Gelände und in den Durchgängen an den Wänden zu finden war, fehlte aber. Auch die App erwies sich in diesem Punkt als wenig hilfreich. Bitte, liebe gamescom-Organisatoren: Spendiert eurem Messe-Magazin fürs nächste Jahr doch wenigstens eine Doppelseite mit einer allgemeinen Übersichtskarte. Danke.

»Kerbal Space Program 2« wurde bei der gamescom Opening Night angekündigt

Tops

»Borderlands 3« lässt es krachen

Ich liebe Borderlands. Schon immer. Entsprechend begeistert war ich von dem epischen Borderlands-Stand auf der diesjährigen gamescom. Die Deko lud zu coolen Fotos mitsamt Bandit-Cosplayern ein, während sich Gearbox an eine vergangene gamescom erinnerte und wie schon für Borderlands 2 auch diesmal wieder exklusive VIP-Tickets an glückliche Besucher verloste, die dann freudig und ausführlich in abgetrennten Kabinen den neusten Teil der verrückten Shooter-Serie anspielen durften. Demo, Deko, Bandits: Alles top, Daumen hoch für Gearbox und Borderlands 3.

Borderlands-Stand (gamescom 2019)
© Koelnmesse GmbH/Harald Fleissner

Entsprechend begeistert war ich von dem epischen Borderlands-Stand auf der diesjährigen gamescom.

Ein Lob auf die Orga

Machen wir uns nichts vor: Ein Besuch auf der gamescom ist laut, heiß, stressig und anstrengend. Das lässt sich nun einmal nicht vermeiden, wenn mehrere Hunderttausend Besucher über ein Messegelände strömen, das mit dem ein oder anderen Nadelöhr leben muss. Trotzdem hat mich die diesjährige gamescom positiv überrascht: Es gab kaum Staus in den Gängen, die Preise für Eintritt und auch für das Essen an den Ständen im Hof blieben moderat und wer sich schlau anstellte, konnte sogar heiß erwartete Titel wie Doom Eternal am Samstagnachmittag mit weniger als 30 Minuten Wartezeit anspielen. Ein zusätzlicher Pluspunkt: Einige Hersteller veranstalteten auf dem Messegelände Verlosungen für Fast Passes – dadurch bekamen auch Otto-Normalverbraucher die Chance, Warteschlangen zu überspringen.

»Die Siedler« kehren zu ihren Wurzeln zurück

Die Siedler sind zurück – und wie. Nach mehr oder weniger geglückten Ausflügen in verschiedene Strategie-Genres jenseits des ursprünglichen Aufbau-Konzepts heißt es endlich wieder: Jetzt wird gewuselt. Zwar ließ sich der neueste Serien-Ableger noch nicht anspielen, die Präsentation sah aber wirklich vielversprechend aus und lässt auf eine Rückkehr zu alten Tugenden hoffen. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt darauf, bald wieder in aller Ruhe meinen kleinen Bewohnern beim Siedeln zusehen zu dürfen.

Neutraler Bonus

»Doom Eternal«

Doom Eternal passt für mich persönlich weder in die Top- noch in die Flop-Kategorie – trotzdem oder vielleicht gerade deshalb möchte ich es an dieser Stelle aber noch erwähnen. Denn die Messedemo ließ mich ziemlich zwiegespalten zurück. Vor Beginn des eigentlichen Demolevels präsentierte man uns nämlich ein Tutorial, das uns die Neuerungen des Spiels näherbringen sollte. Und die funktionierten eher leidlich. Insbesondere die Sprungpassagen haben mich gestört: Ich hasse es, in einem Ego-Shooter springen zu müssen. Dass Doom Eternal das reine Springen jetzt auch noch mit Kletterpassagen verbindet, stört für mich den Spielfluss erheblich. Auf der anderen Seite zauberte mir die Demo ein breites Grinsen aufs Gesicht, als ich mich inmitten diverser Dämonen wiederfand, die ich – zu fetzigem Metal headbangend – mit meinen diversen Waffen in ihre Einzelteile zerballerte.

Die gamescom 2019 war rückblickend aus meiner Sicht eine Messe mit wenigen Highlights, aber auch wenigen Dingen, die mich wirklich gestört oder massiv enttäuscht haben. Gutes Mittelmaß eben, mit Luft nach oben, aber auch mit einer guten Basis für kommende Jahre.