Key Art (WoW Classic)
»World of Warcraft: Classic« ist am 26. August 2019 erschienen

Schnee. Überall um mich herum. Es ist bitterkalt, doch mich friert kein bisschen. Eiskristalle haben sich in meinem Bart verfangen, dessen kunstvoll geflochtene Zöpfe an meiner Brust herunterbaumeln. Ich stapfe voran, einen Schritt nach dem anderen, und bahne mir einen Weg durch das gefrorene Weiß, das sich durch das Bergtal vor mir ausbreitet wie ein endloser See. Einige Meter vor mir taucht ein Eber aus dem Unterholz auf. Die Lebensmittelvorräte meiner Zwergenbrüder und -Schwestern gehen zur Neige – und ich bin mehr als gewillt, mir den wandelnden Leckerbissen vor meiner Nase nicht entgehen zu lassen.

Szenenwechsel: Das grüne Gras der Prärie schmatzt unter meinen stampfenden Hufen. Ich atme tief ein, meine Nüstern erzeugen ein lautes Schnauben. Bereit, mich den Riten der Erdenmutter zu unterziehen, mache ich mich auf den Weg in die Hügel, die südlich meines Dorfes liegen. Der Weg ist lang und beschwerlich, doch meine Beine tragen mich überall hin. Als ich seine hoch gelegene Hütte erreiche, warnt der Seher mich vor den Beschwerlichkeiten, die vor mir liegen. »Die Riten der Erdenmutter zu bestehen ist keine leichte Aufgabe«, sagt er zu mir. Doch ich weiß: Ich bin bereit.

Stormwind (WoW Classic)

Nach Hause kommen: Das ist für mich »WoW Classic«.

Das neue alte Azeroth

WoW Classic öffnet nach Jahren des Hoffens und Wartens der Community seine Live-Server. Der Andrang ist so groß, dass die Entwickler mehrfach neue Server zur Verfügung stellen müssen, um die Warteschlangen zu entzerren. Teilweise gibt es sogar Warteschlangen für die Warteschlangen, weil das System die Zahl der gleichzeitigen Log-in-Versuche nicht bewältigen kann. Wenigstens kommt es nicht zum Absturz, die Serverarchitektur hält dem Ansturm stand. Platz in der Warteschlange: 18.983. Voraussichtliche Wartezeit: fünf Stunden. Wer nicht solange warten will, wandert auf einen der weniger stark bevölkerten neuen Server ab und hofft, dass der eigene Charaktername dort noch verfügbar ist. Dann, endlich, geht es los. Volk und Klasse gewählt, beim Anblick der übersichtlichen Auswahl an verfügbaren Optionen in nostalgischen Gefühlen geschwelgt und auf »Welt betreten« geklickt.

Ich unterscheide mich an diesem Punkt vermutlich von den meisten WoW-Fans, die in Classic unterwegs sind: Denn ich habe meinen alten Classic-Charakter nicht wiederbelebt, weder mit Namen noch mit Volk noch mit Klasse. Ich habe der Allianz den Rücken gekehrt (wie ich es übrigens kurz vor dem Release von The Burning Crusade auch im »normalen« WoW getan habe) und mir stattdessen einen Tauren-Schamanen erstellt. Das Intro-Video klicke ich weg, oft genug gesehen, ich will ja schließlich spielen und WoW wieder so erleben, wie es früher war. Und wie ich das tue.

Ich bin WoW seit seinem Original-Release im Jahr 2005 fast durchgängig treu geblieben (über die dreimonatige Abopause 2006 ärgere ich mich bis heute). Trotzdem war ich einerseits bei der Ankündigung von WoW Classic längst nicht so gehyped wie der Rest der WoW-Community, die sich derartige Server ja schon lange gewünscht hatte. Andererseits konnte und wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einmal wieder das alte Azeroth zu erleben und in Erinnerungen an eine Zeit zu schwelgen, als ich mir Nächte um die Ohren schlug, nur weil ich diese eine Quest und diesen einen Levelaufstieg noch schaffen wollte. Da stehe ich jetzt also mit meinem frischgebackenen Classic-Charakter – und es ist wie früher.

Während ich meine ersten Schritte durch das Tauren-Startgebiet mache, öffne ich ständig die Weltkarte, um nachzuschauen, wo ich hinzulaufen habe – nur, um mich daran zu erinnern, dass es in Classic ja gar keine Questmarker gab. Ich weiß zwar in den meisten Fällen noch auswendig, welche Aufgabe ich wo erledigen kann. Trotzdem fällt es mir schwer, diese fast schon lorioteske Gewohnheit des Map-Auf-und-Zumachens abzulegen. Stattdessen muss ich jetzt wieder aufmerksam Questtexte lesen, um herauszufinden, wo mein nächstes Ziel liegt. Südlich von XY, steht dann da zum Beispiel. Das macht mich seltsam glücklich.

Genauso sehr freue ich mich über die kleinen Dinge: eine abgeschlossene Quest hier, ein Levelaufstieg da – endlich, meine erste Tasche! Dann die ganzen Kleinigkeiten, die Blizzard über die Jahre aus Gründen dem Spiel weggenommen hat: Munition, Waffenfähigkeiten, Klassenquests, Fähigkeitenlehrer. Dann: Mein Manavorrat geht zur Neige! Ich muss etwas trinken! Wunderschön! Während ich gemütlich meinen Tauren durch die Prärie von Mulgore streifen lasse, frage ich mich, wie lange ich wohl für mein erstes Kodo-Mount sparen muss – und da wird mir bewusst: Ich bin zurückgekehrt, endlich.

Je länger ich WoW Classic spiele, desto mehr Spaß habe ich daran, in Erinnerungen an die »gute alte Zeit« zu schwelgen. Die neuen alten Server geben mir ein Gefühl des Zurückkehrens an einen vertrauten Ort, ein Gefühl, von dem ich nie gedacht hätte, wie sehr ich es genießen würde, wie sehr ich es vermisst habe. Auch wenn die anfängliche Begeisterung der WoW-Community für Classic bestimmt irgendwann wieder abebben wird, wenn die endlosen Warteschlangen der Vergangenheit angehören und die ersten Server verwaisen, werde ich immer wieder gern durch das alte Azeroth streifen. Nach Hause kommen: Das ist für mich WoW Classic.

World of Warcraft: Classic ist am 26. August 2019 erschienen.