Key Art (Wolfenstein: Youngblood)
»Wolfenstein: Youngblood« ist erhältlich für PC, PlayStation 4, Xbox One und Nintendo Switch

Während sich Bethesda in der Vergangenheit immer wieder als letzter Hüter der klassischen Single-Player-Spiele präsentiert hat, schlägt das Team hinter Titeln wie Wolfenstein, Dishonored und Fallout seit Kurzem neue, aber auf ihre Art immer noch eigenwillige Wege ein: Denn nach dem eher missglückten Ausflug in die Welt der Survival-MMOs mit Fallout 76 wagt sich Bethesda mit Wolfenstein: Youngblood gleich zweifach auf neue Pfade, nämlich mit einem Koop-Shooter inklusive weiblicher Hauptcharaktere. Aber kann diese Neuinterpretation eines bewährten und bei Wolfenstein-Fans beliebten Konzepts funktionieren? Die Antwort auf diese Frage liefere ich euch im Test von Bethesdas neuester Nazi-Metzelei.

Die Qual der Wahl

Bevor wir mit dem eigentlichen Spiel loslegen können, müssen wir erst einmal ein paar Vorbereitungen und Entscheidungen treffen. Die Frage, welche Version von Wolfenstein: Youngblood wir uns vornehmen, macht dabei den Anfang. Denn Bethesda bietet das Spiel erstmals auch in Deutschland als frei verkäufliche internationale Version inklusive Hakenkreuzen und anderen NS-Symbolen an. Wer darauf verzichten will, greift stattdessen zur zensierten, deutschen Version – die Microsoft und Media-Markt-Saturn übrigens ausschließlich anbieten. Allerdings ist Vorsicht geboten: Denn ihr könnt nicht flexibel zwischen den Versionen wechseln – kauft ihr Wolfenstein: Youngblood in der deutschen Fassung ohne Hakenkreuze, könnt ihr nicht etwa im Optionsmenü auf die internationale Fassung umschalten. Je nachdem, welche Variante ihr kauft, bekommt ihr Wolfenstein: Youngblood nur mit oder ohne Hakenkreuze, aber nicht beides auf einmal.

Habt ihr euch für eine Version entschieden und das Spiel gestartet, erwartet euch gleich die nächste Hürde: Wollt ihr das Spiel im Koop spielen? Oder seid ihr lieber solo mit einem KI-Begleiter an der Seite unterwegs? Bevorzugt ihr erstere Variante, müsst ihr folgende Dinge beachten: Der Koop-Modus funktioniert ausschließlich online, eine Splitscreen-Variante gibt es nicht. Außerdem benötigt ihr ein Bethesda-Konto, um Wolfenstein: Youngblood online spielen zu können. Wer das nicht möchte, kann das Game stattdessen über die Option »Spiel hosten« im Offline-Modus starten und bekommt dann einen KI-Gefährten zur Seite gestellt.

Egal, welche Variante ihr wählt: Bevor ihr euch endlich ins Getümmel stürzen und Nazis metzeln dürft, müsst ihr euch schließlich noch für eine der beiden Hauptfiguren entscheiden. Grundsätzlich spielt es für den späteren Verlauf keinerlei Rolle, welche der beiden Blazkowicz-Schwestern ihr euch aussucht. Die beiden Figuren differieren lediglich optisch voneinander und verfügen zum Start über eine eigene Primärwaffe – allerdings findet ihr die andere bereits früh im Spiel, sodass euch dadurch keinerlei Nachteile entstehen. Je nachdem, ob ihr Jess oder Soph auswählt, stellt euch das Spiel dann sowohl im Online- als auch im Offline-Modus die jeweils andere Schwester zur Seite. Im Online-Koop verläuft das Matchmaking dementsprechend.

Mann in Anzug (Wolfenstein: Youngblood)

Das Spin-off der Wolfenstein-Serie vermittelte mir von Anfang an ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens

Quo vadis, BJ Blazkowicz?

Habt ihr euch durch den anfänglichen Wald an Menüs geschlagen und die Intro-Videosequenz angeschaut, wirft euch das Spiel dann auch mitten in die Action des Jahres 1980. Jess und Soph finden sich mit Kampfanzügen ausgestattet auf einem Luftschiff wieder, auf dem sie den Nazi-General Winkler finden und töten sollen. Wie sich bald herausstellt, ist diese Aufgabe Bestandteil der Suche nach ihrem Vater BJ Blazkowicz, der nach seiner Befreiung Amerikas von den Nazis in Paris verschwunden sein soll. Diese Suche bildet den roten Faden des Spiels.

Ich will an dieser Stelle nicht spoilern, zur Story sei deshalb nur so viel gesagt: Wolfenstein-Fans kommen hier ordentlich auf ihre Kosten. Denn weil wir in den vorangegangen Wolfenstein-Titeln in der Haut von BJ Blazkowicz jede Menge Abenteuer erlebt und mit fiesen Nazis den Boden aufgewischt haben, verspüren wir eine besondere Bindung zu dem raubeinigen Helden. Sein Verschwinden geht uns also nahe – ein treibender Faktor für die Geschichte von Wolfenstein: Youngblood. Ich für meinen Teil wollte jedenfalls unbedingt herausfinden, was mit Blazkowicz passiert ist. Dass die Emanzipation seiner Töchter und ihrer Freundin Abby zu knallharten Nazikillern ein wenig zu schnell vonstattengeht, sei dem Spiel daher verziehen. Immerhin fand ich persönlich beide Figuren sympathisch genug, dass ich mich mit ihnen gern in den Kampf gestürzt habe, auch wenn sie freilich nicht ganz mit dem Charisma der Wolfenstein-Hauptfigur mithalten können.

Apropos mithalten: Auch die Antagonisten von Wolfenstein: Youngblood fallen ein wenig hinter der berüchtigten Frau Engel aus den Vorgängern zurück. Auch hier möchte ich nicht spoilern, deshalb beschränke ich mich darauf anzumerken, dass die beiden zentralen Bösewichter zwar durchaus ihren Charme als üble Nazi-Schergen versprühen. Trotzdem gelingt es den Entwicklern nicht, in Anlehnung an die bösartige Genialität von Frau Engel einen adäquaten Nachfolger in der Rolle des Antagonisten zu liefern.

Stadt (Wolfenstein: Youngblood)
»Wolfenstein: Youngblood« ist als erster Ableger der Serie in Deutschland vollkommen unzensiert erschienen – sprich: inklusive Hakenkreuzen

Hübsch-hässliches Paris

Aber wie steht es abseits der Geschichte von Wolfenstein: Youngblood eigentlich mit den anderen potenziellen Qualitäten des Shooters? Gleich vorweg: Grafisch reißt der Titel sowohl auf dem PC als auch auf der Konsole keine Bäume aus – trotzdem überzeugen die stimmige und glaubhafte Atmosphäre. Im Test auf der Xbox One kam es manchmal zu nachladenden Texturen, insbesondere Schriftzüge auf Plakaten und herumstehenden Kisten brauchten immer wieder mehrere Sekunden, bis sie lesbar scharf wurden. Außerdem gibt es hier und da ein paar etwas unschöne Treppcheneffekte zu bewundern, etwa an Säulen in Gebäuden. Aufgrund der schnellen Action im Spiel fällt das aber selten wirklich auf.

Licht und Schatten liegen auch im Fall der KI von Wolfenstein: Youngblood eng beieinander. Denn die Gegner verhalten sich auf dem normalen Schwierigkeitsgrad mitunter dumm wie Stroh, etwa, wenn wir in der Tutorial-Mission direkt neben ihnen einen ihrer Kumpel erdolchen, ohne dass sie etwas davon mitbekommen. Oder wenn sie versuchen, uns durch ein unzerstörbares Hindernis hindurch abzuschießen.

Zerstörbare Hindernisse gibt es übrigens auch: Schießen wir auf holzvertäfelte Säulen in Innenräumen, splittert die Verkleidung und die Deckung ist dahin. Das sieht nicht nur cool aus, sondern eröffnet auch beim Gameplay einige interessante Möglichkeiten.

Fun with Guns

Denn hier spielt Wolfenstein: Youngblood seine gewohnten Stärken aus: Das Treffer-Feedback fällt erneut hervorragend aus und es fühlt sich einfach großartig an, den fiesen Nazischergen mit der Schrotflinte den Kopf wegzuballern. Auch das Schleichen funktioniert ordentlich – ein sich füllender gelber Kegel über unseren Gegnern zeigt an, wie kurz sie davor sind, uns zu entdecken.

Beim Koop liefert der Shooter hauptsächlich bewehrte Standardkost, setzt diese aber durchaus gut um: Immer wieder müssen wir an bestimmten Stellen im Spiel einzelne Aufgaben gemeinsam bewältigen, etwa Hebel ziehen, Türen öffnen oder Kisten bewegen. Sind wir dabei mit der KI unterwegs, funktioniert das fast so gut wie mit einem menschlichen Mitspieler: Im Test fiel unsere Begleiterin zu keinem Zeitpunkt mit ernsthaften Aussetzern auf. Sie erledigte Gegner, ging mit mir in den Schleichmodus und belebte mich auf Knopfdruck wieder. Das Wiederbeleben funktioniert übrigens immer dann, wenn nur eine der beiden Schwestern verletzt am Boden liegt – sowohl online als auch offline. Seid ihr beide k. o. gegangen, habt ihr die Möglichkeit ein »gemeinsames Leben« zu opfern. Das sind praktisch Extraleben, die ihr in den einzelnen Leveln aufsammeln könnt.

Fazit: Ich persönlich hatte mit Wolfenstein: Youngblood jede Menge Spaß. Das Spin-off der Wolfenstein-Serie vermittelte mir von Anfang an ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens, auch dank der Story um das Verschwinden meines Lieblings-Nazikillers BJ Blazkowicz. Dass die Grafik des Spiels nicht ganz taufrisch ist und ich für den Online-Modus zwangsweise ein Bethesda-Konto einrichten muss, schmälert meinen überaus positiven Gesamteindruck nur geringfügig. Bethesda, macht weiter so – Wolfenstein III kann kommen!

Wolfenstein: Youngblood ist am 26. Juli 2019 für PC, PlayStation 4, Xbox One und Nintendo Switch erschienen.