Heiler (Wolfenstein II: The New Colossus)
Bethesda brachte extra für Deutschland eigene Versionen der »Wolfenstein«-Spiele heraus

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), zuständig für die Alterskennzeichnung von Computerspielen in Deutschland, hatte sich seit jeher an diesem Urteil orientiert und Spielen mit NS-Symbolik wie Hakenkreuzen grundsätzlich die Prüfung verweigert. Ohne USK-Siegel ist eine erfolgreiche Veröffentlichung auf dem deutschen Markt faktisch unmöglich, da die meisten Einzelhändler darauf bestehen.

Ganze Spieleserien mussten sich der Rechtsauffassung der USK beugen und teils umfänglich überarbeitete Versionen speziell für den deutschen Markt herausbringen. Geneigten Zockern dürfte der böse »Herr Heiler« ohne Schnauzbärtchen als Anführer des finsteren »Regimes« in Wolfenstein 2: The New Colossus in Erinnerung sein. Doch mit derlei Verrenkungen wird in Zukunft offenbar Schluss sein.

Wir erklären, was passiert ist, wie sich die jüngsten Entwicklungen für uns Spieler auswirken und warum zwei auf den ersten Blick ähnliche Spiele eine ganz unterschiedliche Behandlung durch die USK erfahren haben.

Wolfenstein 3D
»Wolfenstein« des Anstoßes: 1998 sorgte ein Urteil zu »Wolfenstein 3D« für einen 20-jährigen Deutschland-Bann von Hakenkreuzen in Computerspielen

Was ist »sozialadäquant«?

Bevor wir über die beiden erwähnten Spiele sprechen, müssen wir zwei andere Spiele nennen: Through the Darkest of Times und Attentat 1942 erhielten im Spätsommer 2018 eine Freigabe von der USK – mit Hakenkreuzen. Die USK sah bei beiden Titeln »aufgrund der klaren Gegnerschaft zum NS-Regime« eine Sozialadäquanz gegeben. Das brachte Bewegung in die festgefahrene Debatte und setzte eine Entwicklung in Gang, die Spielen mit Hakenkreuzen den Weg auf den deutschen Markt ebnen sollte.

Zuvor kam die Debatte um die Rechtmäßigkeit von Hakenkreuzen in Computerspielen mit dem Satire-Browserspiel Bundesfighter 2 Turbo in Fahrt, das den AfD-Politiker Alexander Gauland als Figur in Hakenkreuzform darstellte. Nach einer Anzeige sah die Staatsanwaltschaft keinen Grund für Ermittlungen und bezeichnete die Rechtslage als »überholt«. Hier kündigte sich also bereits eine Trendwende an, auch wenn Browserspiele nicht in das Ressort der USK fallen. Hier sollten einige Monate später aber Attentat 1942 und Through the Darkest of Times die Tür aufstoßen.

Das große Aber: Die USK wird künftig keineswegs bei allen Spielen so verfahren. Vielmehr prüft sie im Einzelfall, ob die genannte Sozialadäquanz gegeben ist.

Die Sozialadäquanzklausel des Paragrafen 86 des Strafgesetzbuches sieht eine Ausnahme für das Verbot der Verwendung verfassungswidriger Symbolik wie Hakenkreuzen und SS-Runen vor. Und zwar, falls es sich bei dem Kontext der Verwendung um einen Beitrag zu Kultur, Bildung oder Wissenschaft handelt. Filme fallen seit jeher unter diese Klausel, Computerspielen wurde diese Behandlung wegen des Wolfenstein-Urteils bislang verweigert.

Attentat 1942
»Attentat 1942« gewann einen deutschen Computerspielpreis und wurde schließlich mit einem Siegel »Ab 12 Jahren« versehen – samt Hakenkreuzen

Bis 2018 zumindest, als die ganze Szene für einen Moment die Luft anzuhalten schien: Bedeutet die erstmalige Verwendung von Hakenkreuzen in Computerspielen seit 20 Jahren also, dass künftig auch andere Spiele in Original-Fassung in Deutschland erscheinen dürften? Gilt das auch für gewalthaltige Shooter wie etwa neue Teile der Wolfenstein-Reihe? Und werden auch die alten Teile in ihrer Original-Version veröffentlicht?

Das hängt wie gesagt vom Einzelfall ab. Und hier ist ein Erfolg nicht vorprogrammiert.

»Post Scriptum« prallt auf eine Wand

Entwickler Periscope Games legte ebenfalls im Spätsommer 2018 den Weltkriegs-Shooter Post Scriptum bei der USK zur Prüfung vor. Das Ergebnis war für die Entwickler ernüchternd: Die USK verweigerte ihr Prüfsiegel, Post Scriptum darf in Deutschland nicht mit Hakenkreuz-Symbolik erscheinen.

Liegt es daran, dass es wie Wolfenstein ein Shooter ist? Vertritt die USK die Auffassung, dass gewalthaltige Spiele keine Sozialadäquanz erfüllen können? Mitnichten, wie die neueste Entwicklung in der Causa Hakenkreuz-Spiele zeigt.

Zensiert (Post Scriptum)
Der Weltkriegs-Shooter »Post Scriptum« durfte nur ohne Hakenkreuze in Deutschland erscheinen

Bei »Wolfenstein« schließt sich der Kreis

Es kam auch für viele Szene-Insider überraschend: Publisher Bethesda vermeldete, dass die beiden neuen Wolfenstein-Spiele Youngblood und Cyberpilot in Deutschland in ungeschnittener Fassung erscheinen werden – mit dem »Ab 18«-Siegel der USK. Inklusive Hakenkreuze. Beide Spiele sind wie Post Scriptum Shooter, Gewalt ist also ein zentrales Spielelement. Somit ist das reine Vorhandensein expliziter virtueller Gewalt im Zusammenhang mit NS-Symbolik kein ausschlaggebendes Kriterium für eine Verweigerung der USK-Prüfung.

Woran liegt es also, dass die USK bei Post Scriptum und den neuen Wolfenstein-Spielen so unterschiedlich agiert? Die Lösung steckt in der Definition des Begriffs Sozialadäquanz.

Das unterscheidet »Post Scriptum« und »Wolfenstein: Youngblood«

Betrachten wir einmal, worum es bei Post Scriptum und Wolfenstein: Youngblood eigentlich geht:

Post Scriptum ist ein Hardcore-Shooter, der Spieler auf Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs gegeneinander kämpfen lässt. Dabei steht vor allem der Realismus bei Waffen, Soldaten-Uniformen, Fahrzeugen und auch Spielumgebungen im Fokus. Wir schlüpfen in die Haut von Alliierten oder Nazi-Soldaten und kämpfen Schlachten im Zweiten Weltkrieg nach. Zusätzlich liefert das Spiel keine geschichtliche Einordnung, keinen Kontext. Hier liegt bereits der Hund begraben.

Kampfroboter (Wolfenstein: Youngblood)
Schießereien sind das Hauptmotiv in »Wolfenstein: Youngblood«. Trotzdem darf das Spiel in Deutschland mit Hakenkreuzen erscheinen.

Wolfenstein: Youngblood dagegen ist ein Koop-Shooter. Allein oder zu zweit ziehen wir in einer fiktiven Zeitlinie, in der das NS-Regime den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, aus dem Untergrund in den Krieg gegen die Nazis. Dabei erzählt das Spiel eine Geschichte, welche die Nazis klar als Feind und »Böses« porträtiert. Hier findet also, wie bei Attentat 1942 und Through the Darkest of Times, eine wertende Einordnung statt. Dies dürfte der Grund sein, warum die USK im Einzelfall entschieden hat, die neuen Wolfenstein-Spiele zuzulassen.

Übrigens wurde Wolfenstein: Youngblood auch in einer Version ohne Hakenkreuze speziell für den deutschen Markt entwickelt und erscheint hierzulande in zwei Fassungen: Deutsch ohne Hakenkreuze und international mit sämtlicher Original-Symbolik.

Die neuerliche Entwicklung wirft freilich die Frage auf, ob auch die älteren Wolfenstein-Spiele Wolfenstein: The New Order, The New Colossus und das Addon The Old Blood in der internationalen Fassung in Deutschland erscheinen werden. Hier äußerte Bethesda gegenüber GameStar, dass man aktuell die Optionen prüfe. Eine Veröffentlichung ist damit zwar nicht sicher, aber zumindest möglich.

Parade; Deutsche Version (Wolfenstein: Youngblood)
Die aufwendig entwickelte deutsche Fassung von »Youngblood« erscheint nun neben der internationalen Version

Fazit: Obgleich die neue Rechtsauffassung der USK keineswegs einen Freifahrtschein für alle Spiele mit NS-Symbolik für den deutschen Markt bedeutet, ist sie doch eine bedeutsame Wendung für Industrie und Spieler.

Künftig wird die USK nicht mehr per se die Prüfung verweigern, nur weil Hakenkreuze in einem Spiel vorkommen. Sie prüft das jeweilige Spiel und entscheidet, ob eine Sozialadäquanz gegeben ist. Dies hängt stark vom Kontext ab, in dem die NS-Symbolik im Spiel präsentiert wird.

Ein deutliches »Ja« zu Games als Kunstform

Das ist eine gute Nachricht für Spieler, die ihre Spiele in unveränderter Form spielen möchten. Es ist eine positive Entwicklung für die Kunstfreiheit, da Menschen die betreffenden Werke in ihrer von Entwicklern beabsichtigten Form zu Gesicht bekommen. Aber es ist vor allem eine zukunftsweisende Botschaft für das Medium Computerspiele, eine Anerkennung des Beitrags zu Kultur und Bildung und ein deutliches »Ja« zu Games als Kunstform.

Quellen: usk.de, www.bundespruefstelle.de, www.gamestar.de [1][2][3][4] und www.gesetze-im-internet.de