Ich gehöre zu den großen Fans von Wing Commander und vielen weiteren Titeln von Origin Systems, darunter Crusader oder auch Privateer. Neben den Spielen habe ich die Bücher gelesen und selbst den bestenfalls durchschnittlichen Kinofilm zu Wing Commander gesehen.

Im Oktober 2012 ging die Kickstarter-Kampagne zum neuen Weltraum-Abenteuer von Chris Roberts online. Mehr als 2,1 Millionen US-Dollar wurden dabei eingesammelt. Auch ich unterstützte das Projekt mit 125 US-Dollar, um mir die Collector’s Edition sowie einen frühen Zugriff auf das Spiel zu sichern. Die voraussichtliche Lieferung: November 2014! Jetzt haben wir Juni 2019 und von einer Veröffentlichung sind sowohl Star Citizen als auch die Story-Kampagne Squadron 42 noch immer weit entfernt. Klingt also wirklich nach Abzocke, oder?

Was ist dran an den Anschuldigungen?

Der Forbes-Artikel setzt direkt zur Einleitung die »richtige« Stimmung. Der legendäre Designer Chris Roberts präsentiert Videospiel-»Fanatikern« sein Werk Star Citizen. Im Schnitt soll jeder 200 US-Dollar investiert haben, einige sogar Tausende Dollar. Gefolgt von der klaren Ansage, dass nach sieben Jahren Arbeit am Spiel, niemand – erst recht nicht Roberts – eine Ahnung hat, wann und ob das Projekt je fertig wird. Trotz all der Enttäuschungen und Verschiebungen jubelt die Menge für Roberts.

Chris Roberts; CEO (Star Citizen)
Nachdem Chris Roberts als Produzent von mehreren Hollywood-Spielfilmen fungiert hat, markiert »Star Citizen« seine Rückkehr zu der Videospielindustrie

In welche Richtung der Forbes-Artikel damit geht, sollte spätestens jetzt dem Leser klar sein. Richtig ist: Mehr als 225 Millionen US-Dollar wurden mittlerweile durch Crowdfunding eingenommen und viele Fans haben für Dinge bezahlt, welche es noch gar nicht gibt. Sei es virtuelles Land auf einem virtuellen Planeten oder auch Raumschiffe, die in Teilen nur als Konzept existieren. Das muss man nicht gut heißen, allerdings wäre wohl ohne diese Unterstützer der Traum Star Citizen längst vorbei. Eine Sicherheit, dass Star Citizen jemals »fertig« wird, gibt es nicht – das gleiche gilt allerdings für alle Crowdfunding-Projekte.

Offiziell befindet sich Star Citizen aktuell in der Alpha 3.5, welche für alle spielbar ist, die ein entsprechendes Game-Paket besitzen. Dafür muss man übrigens durchaus nicht 100 oder 200 Dollar bezahlen, sondern (je nach Angebot) eher um die 50 Dollar.

Was passiert(e) mit dem Geld?

Bei all den Jahren der Entwicklung gilt es zu bedenken, dass Star Citizen zum Start der Kickstarter-Kampagne keineswegs bereits bei einem kompletten Team in der Entstehung war. Was gezeigt wurde, waren Machbarkeitsstudien, frühe Ideen und Entwürfe. Über die Jahre wuchs das Team und mehrere Studios weltweit wurden gegründet. Inzwischen arbeiten Hunderte Mitarbeiter an Star Citizen und Squadron 42. Einen Fortschritt gibt es aber immerhin zu verzeichnen: Zumindest für Squadron 42 existieren offizielle Termine für die Alpha und Beta. Letztere könnte im 2. Quartal 2020 starten. Ob das wirklich realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt.

Anders als der Forbes-Artikel will ich keine Vermutungen zum Privatleben von Chris Roberts oder seiner Frau anstellen und mich auch nicht über seine Wohnsituation äußern. Das ist ein Punkt, welcher mich nicht einmal als Unterstützer im entferntesten interessiert. Wenn Roberts und seine Frau teure Häuser oder Wohnungen besitzen, dann ist das eben so. Zumal Roberts schon zu lange und erfolgreich im Geschäft ist, als dass er deswegen gleich Einnahmen in großen Mengen in die eigene Tasche umlenken müsste. Zahlreichen Studios, Motion-Capture-Aufnahmen mit Hollywood-Stars und Hunderte Mitarbeiter dürften alleine genug Geld verschlingen.

Mann steuert Terrapin-Schiff (Star Citizen)

Roberts will seine unendlichen Vorstellungen für »Star Citizen« auch in die Realität umsetzen – und das ist in Teilen durchaus ein Problem

Dennoch stehe auch ich einigen Aspekten sehr wohl kritisch gegenüber. Da wären die unzähligen, aber nett gemeinten, Entwickler-Statusberichte in Videoform, Fan-Conventions (die allerdings durch teure Tickets refinanziert werden) und immer wieder neue Features sowie Mechaniken, welche kaum jemand wirklich will oder braucht.

Publisher, die den Überblick behalten, Grenzen setzen und Vorgaben machen sind nicht immer etwas Positives. Aber ein Macher wie Chris Roberts will andererseits unbedingt seine scheinbar unendlichen Vorstellungen für Star Citizen auch in die Realität umsetzen – und das ist in Teilen durchaus ein Problem.

Ist das Projekt außer Kontrolle?

Es werden aufwendige Videos produziert und ständig neue Raumschiffe entworfen, was viel Zeit und Geld verschlingt. Andererseits spielt Roberts damit frisches Geld in die Kassen. Gleichzeitig sollen aktive Abonnenten und andere dauerhafte Unterstützer regelmäßig mit Content, Infos und Videos versorgt werden. Das alles ist zum Teil sicherlich gut gemeint, bindet aber auch Ressourcen und ich bin, nach all den Jahren, schon lange nicht mehr an 30-minütigen Videos zu Statusberichten jedes Teams zu jeder Kleinigkeit interessiert.

Viel schwieriger wiegen die immer wieder großen Änderungen, Probleme und Neuerungen, die so nie angedacht waren: das Flugsystem, die KI bei Gefechten am Boden, Physik, die komplette Überarbeitung von riesigen Raumschiffen bzw. Modellen, Features wie FOIP (Face over IP), usw.

Wäre es nicht erst einmal hilfreich gewesen, wenn die Basics funktioniert hätten, bevor man sich über ein Feature Gedanken macht, mit dem via Webcam Gesichtszüge und Sprache auf die Charaktere im Spiel übertragen werden kann? Versteht mich nicht falsch, das ist witzig und inzwischen funktioniert es auch ganz gut. Aber wäre nicht eine brauchbare Performance, KI, Navigation, Bedienungen und Co. erst einmal wichtiger gewesen?

Ist wirklich alles so schlimm?

Klar ist, die negativen Aspekte müssen erwähnt und angesprochen werden. Aber Star Citizen macht Fortschritte und gerade in den letzten Monaten sogar große Sprünge! Termine werden inzwischen meist eingehalten und alle 3 Monate gibt es größere Updates. Zudem wird eine öffentlich einsehbare Roadmap für Star Citizen und Squadron 42 regelmäßig aktualisiert. Auch die Ausgaben und Finanzen werden in großen Teilen publik gemacht.

Inzwischen gibt es nicht nur Raumstationen, Außenposten und Monde, sondern auch die ersten zwei richtigen Planeten, inklusiven Auftraggebern. Wer will, kann bereits in der Alpha 3.5 Spaß haben – wenn auch mit vielen Kinderkrankheiten. Allerdings ist all das ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den letzten Jahren. Inzwischen lässt sich Star Citizen wirklich spielen und auch die Performance ist meist im Bereich von 30 Bildern pro Sekunde oder mehr, was vor einigen Monaten noch größtenteils undenkbar war.

Durch diese Grundlage ist auch der Weg für die schnelle Fertigstellung weiterer Inhalte und Features geebnet. Andererseits folgt der nächste richtige Planet, samt Monden, voraussichtlich erst im vierten Quartal 2019. Dennoch wird sich bis dahin, abseits der Planeten, sicherlich vieles tun.

Es ist also keinesfalls unmöglich, dass Star Citizen Ende 2020 in einem spielbaren Zustand sein könnte, wenngleich es anfangs sicherlich noch einige Probleme und inhaltliche Mängel geben wird. Auch eine in Teilen spielbare Story-Kampagne halte ich für Ende nächsten Jahres für zumindest möglich.

Wobei Star Citizen wohl nie einen klassischen Release erleben wird, sondern eher als Early-Access-Version starten dürfte. Das reine Online-Abenteuer wird eben, wie so viele Titel heute, immer weiter wachsen – vorausgesetzt den Machern geht nicht das Geld auf der Zielgeraden aus.

Kraken (Star Citizen)
Für den leichten Träger »Kraken« muss der geneigte Käufer stolze 1.400 US-Dollar berappen

Fazit: Abzocke oder Betrug sieht für mich anders aus. Es gibt ein durchaus spielbares Produkt und das Spiel macht, allen voran in den letzten Monaten, tatsächlich große Fortschritte. Klar ist aber, dass die schier unendlichen Wünsche und Visionen Roberts nicht immer gut, für die Entwicklung des Spiels, sind. Regelmäßig kommen neue Features in den Titel, ohne dass die Basics stehen. Alte Inhalte müssen aufgrund der enorm langen Entwicklungszeit überarbeitet oder komplett neu gestaltet werden, was den Prozess wieder und wieder verlängert.

Neue Raumschiffe für Hunderte oder Tausende Euro kaufen? Für mich wäre das keinesfalls etwas. Ich bedauere allerdings auch nicht meine ursprüngliche Kickstarter-Investition, da ich bereits viele Stunden mit Star Citizen verbracht habe und dabei durchaus Spaß hatte.

Es gibt bereits jetzt echte Wow-Momente im Spiel und ich habe zumindest die Hoffnung, dass man Ende 2020 oder 2021 wirklich einen Blick auf ein größtenteils rundes Spiel werfen kann – zumindest was die Kampagne Squadron 42 betrifft.