Cover Art (Rage 2)
Das Artwork von »Rage 2« ist schon echt der Hammer!

Erinnert sich noch jemand an die Folge »Stuff« der Sitcom How I Met Your Mother (Staffel Zwei)? Diese Episode handelt davon, dass Lily die anderen Charaktere der Serie zu einer Theateraufführung einlädt, in der sie selbst mitspielt. Der Haken an der Sache: Das Theaterstück ist unglaublich mies – ebenso wie Lilys Performance. Lily versagt gleich im ersten Satz und verkündet, »I am Rage«, bevor ihr einfällt, dass sie ja gar nicht »Rage« (Wut) verkörpert, sondern »Envy« (Neid). Für mich persönlich gehört diese Episode von HIMYM zu den besten Folgen der Serie – und zwar deshalb, weil sie die furchtbare Darstellung Lilys in einem unfassbar schlechten Theaterstück zum zentralen Element einer humorvollen Comedy instrumentalisiert. Und genau deshalb musste ich bei Avalanches neustem Open-World-Ausfall Rage 2 auch sofort an Lily und ihre »Rage«-Performance denken.

Wer einen Blick auf aktuelle Testberichte zu Rage 2 wirft, vernimmt einen eindeutig negativen Tenor. Von einer hübschen, aber leeren Spielwelt ist da die Rede. Von einer lächerlich dürftigen und hanebüchenen Story. Vom immer gleichen, eintönigen Gameplay-Loop. Typisch Avalanche eben. Aber deren Spieleserie Just Cause darf sich einer eingefleischten Fan-Gemeinde rühmen, während das 2015 erschienene Mad Max einigen Gamern als sträflichst unterbewertet gilt – mir inklusive.

Warum ist das so? Tun die Kritiker dem Entwickler Avalanche und ihrem neusten Streich Rage 2 Unrecht? Ist Rage 2 vielleicht ebenso »underrated« wie Mad Max? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der eingangs zitierten Szene von HIMYM. Denn objektiv betrachtet muss man Rage 2 genauso wie Lilys Theateraufführung zwar als Schrott allererster Güte bezeichnen. Die Abwechslung bleibt im apokalyptischen Ödland nämlich ebenso auf der Strecke wie glaubwürdige Charaktere oder Texturen, für die sich selbst das vier Jahre alte Mad Max geschämt hätte (besonders auf der Xbox One).

Plakat (Lavalantula – Angriff der Feuerspinnen)

Die klischeebeladenen Charaktere, könnten eins zu eins aus einem Trash-Film im Stil von »Lavalantula – Angriff der Feuerspinnen« stammen

Trotzdem übt Rage 2 auf mich einen Sog aus, der starke Ähnlichkeiten zu meiner Begeisterung für besagte HIMYM-Episode aufweist. Denn schlechte Darstellungen können für riesengroße Lacher sorgen – ebenso wie objektiv »schlechte« Spiele. Beispiel gefällig? Kein Problem: Die Story von Rage 2 wirkt so dermaßen unlogisch, platt und an den Haaren herbeigezogen, dass man eigentlich gar nicht mehr anders kann, als sich köstlich über sie zu amüsieren.

Die klischeebeladenen Charaktere gepaart mit der Prämisse, dass wir mal wieder als letzter Irgendwas die Welt vor dem drohenden Untergang bewahren müssen, könnte eins zu eins aus einem Trash-Film im Stil von Lavalantula – Angriff der Feuerspinnen stammen. Wir haben keinen blassen Schimmer, wie unsere Adoptivtante überhaupt ahnen konnte, dass ausgerechnet wir als letzter Ranger und künftiger Erlöser der Geknechteten den Angriff auf unser Heimatdorf überleben würden. Vielleicht hat sie auch einfach für jeden potenziellen Kandidaten eine Holo-Nachricht aufgenommen – oder so. Ist ja auch egal.

Schließlich erhebt Rage 2 ja auch gar nicht den Anspruch, eine brauchbare, geschweige denn gute Story zu bieten. In diesem Spiel geht es darum, möglichst kreativ möglichst viele Gegner umzuballern. Wer braucht da schon eine intelligente Story? Dass Rage 2 sich bei der ganzen Geschichte aber auch noch viel zu Ernst nimmt (was einige Tester ebenfalls bemängeln), passt hervorragend zu der Prämisse, dass es sich bei diesem Spiel um hervorragende Trash-Unterhaltung handelt.

Key Art (Mad Max)
»Mad Max« konnte lediglich eine Metacritic-Durchschnittswertung zwischen 69 (PS4) und 73 (PC) abräumen

Hat Lilys Theaterstück eine Story? Nein. Nimmt es sich selbst todernst? Ja. Genau diese beiden Faktoren sorgen aber dafür, dass die gesamte Episode von HIMYM dem geneigten Zuschauer als urkomisch in Erinnerung bleibt. Genauso funktioniert auch Rage 2 – wenn man denn die entsprechende Perspektive einnehmen kann. Denn wer sich darauf einstellt, dass Avalanches neuester Open World Titel eigentlich nur aus einem riesigen Haufen Mist besteht – vom grandiosen Shooter-Gameplay abgesehen – wird mit Rage 2 jede Menge Spaß haben.

Das Spiel bietet an jeder Ecke neue Möglichkeiten, sich in bester Trash-Manier zu amüsieren: Die Charaktere brabbeln in Dialogen vor sich hin, die vor billigen Klischees triefen – von lippensynchronen Animationen keine Spur. »Hey, das sieht ja aus wie bei South Park«, denken wir einen Moment lang, bevor wir eine Minute später nicht enden wollende Mutantenhorden zu Blut und Gedärmen verarbeiten.

Lehnen wir uns also zurück, eine Hand am Controller, eine Hand in der Popcorn-Schüssel, und genießen das großartige Feuerwerk schlechten Geschmacks, das »Rage 2« abbrennt

An anderer Stelle amüsieren wir uns über die völlig absurden Waffen, mit denen wir Gegner auf kreativste Art und Weise von ihrem Elend erlösen – denn wir sind ja, wir erinnern uns, der zu fleischgewordene Ödland-Erlöser. Trash-Faktor hoch drei ist erreicht, wenn wir bemerken, dass unser sprechendes Auto als Knight Rider für Arme nur eine Handvoll Sprüche beherrscht, die es immer wiederholt.

Alles in allem bietet mir Rage 2 fast genau das, was ich mir als Fan des Quasi-Vorgängers Mad Max erhofft habe: ein cooles Kampfsystem, klischeehafte Charaktere, eine noch klischeehaftere Story, Autos und einen ordentlichen Trash-Faktor. Die Sammelaufgaben in den Feindlagern nerven mich als ewigen Completionist zwar ganz gehörig. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Rage 2 genau das Spiel geworden ist, das es hätte sein sollen: ein Fest für Trash-Fans.

Lehnen wir uns also zurück, eine Hand am Controller, eine Hand in der Popcorn-Schüssel, und genießen das großartige Feuerwerk schlechten Geschmacks, das Rage 2 abbrennt. Dabei kann es uns letztlich auch völlig egal sein, ob Avalanche Studios es mit ihrem Spiel ernst meinen oder nicht. Uwe Boll glaubt ja schließlich auch, seine Filme gehörten zur Crème de la Crème ihres Mediums.