Key Art; Eigene Variante (Rage 2)
»Rage 2« wurde von Avalanche Studios (»Mad Max«, »Just Cause«) und id Software entwickelt

Kürzlich lief mir mal wieder mein alter Mathematik-Lehrer über den Weg, der immer dieselbe Grütze erzählt: »Ahmet, damals hätte ich dich am liebsten nonstop geohrfeigt, weil du fauler Hund nie dein Potenzial ausschöpfen wolltest!« Genau dasselbe habe ich mir beim Spielen von Rage 2 gedacht. Ich würde die Entwickler gerne bei den Schultern packen und ordentlich durchschütteln, weil das Spiel weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Wenn in Rage 2 die Post abgeht, dann so richtig – Das Geballer ist einfach genial inszeniert und bleibt dank freischaltbarer Skills immer schön frisch. Abseits der Kampfhandlungen hat das postapokalyptische Open-World-Abenteuer aber nicht viel zu bieten. Natürlich erwarte ich vom karg besiedelten Ödland nicht die geografische und inhaltliche Vielfalt eines GTA 5, aber warum baut man überhaupt eine offene Spielwelt, wenn man diese nicht mit interessanten Dingen füllt? Dass Handlung und Charaktere hauptsächlich Klischees bedienen, trübt den Gesamteindruck ebenfalls.

Goon mit Waffe (Rage 2)

Wenn in »Rage 2« die Post abgeht, dann so richtig

Bombastisches Gemetzel

Nachdem die Welt durch einen Asteroiden-Einschlag verwüstet und über 100 Jahre lang von marodierenden Banden und militärischen Gruppierungen terrorisiert wird, tritt die letzte Hoffnung der Menschheit auf den Plan: Ranger Walker! Ihr bestimmt gleich zu Beginn, ob Walker ein Er oder eine Sie ist und dann geht’s auch schon zur Sache. Ihr spaziert durchs Ödland oder klemmt euch hinter das Steuer unterschiedlicher Vehikel, um Horden von Bad Guys zu Matsch zu verarbeiten. Neben fetten Ballermännern und Wurfgeschossen, stehen euch brachiale Spezial-Fähigkeiten zur Verfügung. So könnt ihr Gegner beispielsweise in bester Jedi-Manier mit fetten Druckwellen an die Wand klatschen. Die Action ist motivierend inszeniert, was vor allem dem geilen Treffer-Feedback geschuldet ist. Köpfe platzen, Rüstungsteile fliegen durch die Gegend, getroffene Gegner fallen um, rappeln sich wieder auf und so weiter. Das ist überaus befriedigend und klingt fast besser, als es aussieht. Die fiesen Sound-Effekte untermalen die Zerstörungsorgie perfekt und lassen die Bude beben. Wenn Ranger Walker wie ein Berserker durch seine Feinde pflügt, fühlt man sich nicht selten an Doom und Bulletstorm erinnert.

Rosa Sonnenuntergang (Rage 2)
»Rage 2« setzt auf die Avalanche Open World Engine (APEX)

Im Laufe eures Abenteuers schaltet ihr ständig neue Fähigkeiten und Verbesserungen frei, die das Gemetzel immer abwechslungsreicher und bombastischer machen. Das Waffenarsenal lässt sich ebenfalls mit nützlichen Upgrades aufwerten, um Schaden und Funktionalität zu erhöhen. Selbst Fahrzeuge könnt ihr pimpen, was nicht nur im Kampf gegen stark gepanzerte Konvois hilft, sondern auch die Erkundung der Welt erleichtert. Beispielsweise gibt es Sprungschanzen, die euch auf höher gelegene Plattformen bringen – die nötige Geschwindigkeit vorausgesetzt. Für meinen Geschmack fällt die Fahrzeugsteuerung einen Tick zu träge aus, aber daran gewöhnt man sich nach einiger Zeit.

Leider wiederholen sich die Events und Nebenaufgaben ständig. Immer wieder säubert ihr Banditenlager und Mutantennester, die optisch und spielerisch kaum Abwechslung bieten. Im Endeffekt macht ihr alle Gegner platt, sammelt Loot und sucht nach Kisten mit wertvollem Inhalt. Deshalb habe ich mich irgendwann fast ausschließlich auf die Story-Missionen konzentriert und siehe da: Nach knapp elf Stunden war bereits Schluss. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass vor der Veröffentlichung immer wieder erwähnt wurde, dass man nach Release kontinuierlich neue Inhalte, dynamische Events und Aktivitäten hinzufügen möchte, um »die Spielwelt noch lebendiger und lebhafter zu gestalten«. Anscheinend ist man sich darüber im Klaren, dass die inhaltliche Vielfalt noch etwas zu wünschen übrig lässt. Eventuell hätte man im Vorfeld etwas mehr Zeit ins Gameplay stecken sollen, statt wertvolle Entwicklungszeit mit der Implementierung von Microtransactions zu vergeuden? Ihr könnt nämlich sogenannte Rage-Coins (500 Stück á 4,99 €) kaufen und diese in kosmetische Items investieren. Wenigstens werdet ihr nicht ständig auf den In-Game-Store hingewiesen und viele Skins lassen sich auch ohne Echtgeldeinsatz freischalten.

Durchwachsene Technik

Rage 2 läuft auf PS4 Pro und Xbox One X mit butterweichen 60 fps, dafür lassen die grafischen Details zu wünschen übrig. Klar, wenn spielerisch die Post abgeht, sorgt das geile Effektgewitter für optisch eindrucksvolle Szenen, dafür stechen in ruhigen Momenten immer wieder Matschtexturen ins Auge. Der PC-Version hätte man ruhig ein optionales HD-Texturen-Paket spendieren können, um wenigstens die Master-Race zu befriedigen. Zudem bietet das Spiel zwar eine grandiose Weitsicht, allerdings wird diese von unschönen Pop-Ups getrübt.

Fazit: Ja, die Spielwelt wirkt öde, die Nebenmissionen hat man ebenfalls schnell satt, aber dafür lässt das Gun Play keine Wünsche offen. Die durchgeknallte Gegnerschar mit Kugeln und Spezialfähigkeiten zu dezimieren, ist mindestens so befriedigend wie in Bulletstorm und Doom. Die Steuerung geht superschnell in Fleisch und Blut über, das hohe Tempo treibt den Puls in die Höhe und jede Auseinandersetzung zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Rage 2 mag kein Meisterwerk sein, aber es ist definitiv besser als id Softwares Original.