Da sich Days Gone ja schon einige Zeit in der Entwicklung befindet und auf diversen Events ausführlich präsentiert wurde, muss ich nicht mehr groß auf die Grundlagen eingehen. Ihr schlüpft in die Biker-Kluft von Deacon St. John, der im postapokalyptischen Nordwesten Amerikas ums Überleben kämpft. Ein Großteil der Bevölkerung wurde durch einen Virus ausgelöscht, der Menschen und Tiere in blutrünstige Bestien verwandelt. Es handelt sich dabei aber nicht um Zombies, sondern um sogenannte Freaker die äußerst schnell zu Fuß und bevorzugt in Gruppen unterwegs sind.

Müsste ich die Spielmechanik näher eingrenzen, dann würde ich sie als eine Mischung aus Far Cry, Red Dead Redemption und The Last of Us bezeichnen. Ihr erledigt Story-Missionen und unterschiedliche Nebenaufgaben in der offenen Spielwelt, wobei Missionen und Points of Interest übersichtlich auf einer Karte markiert sind. Es gibt freundliche sowie feindliche Camps und auch sonst so einiges zu entdecken. Ihr lootet und craftet was das Zeug hält, zum Beispiel, in dem ihr Tieren das Fell über die Ohren zieht oder alte Autos ausschlachtet. Der gesammelte Loot kann veräußert oder in Reparatur und Upgrades der eigenen Ausrüstung gesteckt werden. Während die Beschaffung spezifischer Crafting-Materialien in Red Dead Redemption 2 eher wie Arbeit anmutet, gestaltet sich die Sache hier angenehm unkompliziert und motivationsfördernd.

Zweikampf gegen einen Freaker (Days Gone)
»Days Gone« ist am 26. April 2019 exklusiv für die PlayStation 4 erschienen

Auch schön: Die Spielwelt ist nicht mit Missions- und Map-Markern zugeballert, doch es gibt immer was zu tun: zum Beispiel sollt ihr Banditen-Lager ausheben, Kopfgeldjäger spielen oder Freaker-Nester zerstören. Damit ihr nicht ewig von A nach B latschen müsst, steht Deacon ein motorisiertes Zweirad zur Verfügung. Smartes Detail: Das Bike ist Fortbewegungsmittel und zugleich mobiler Checkpoint. Einfach beim Motorrad die Dreieck-Taste drücken und schon wird ein Quicksave durchgeführt. Was mir zu Beginn gehörig auf den Senkel ging, war die schwammige Steuerung der Mühle. Wird aber mit der Zeit besser, weil man sich daran gewöhnt und das Bike upgradefähig ist.

Keine Nonstop-Action

Sicher habt ihr in den vergangenen Jahren den ein oder anderen Clip zum Spiel gesehen und ich bin der Meinung, dass diese einen etwas falschen Eindruck vermitteln. In vielen Vorab-Videos standen riesige Freaker-Horden im Fokus, tatsächlich machen solche Massenbegegnungen nur einen kleinen Teil der Spielzeit aus. Außerdem schlagt ihr euch ebenso häufig mit menschlichen Gegnern herum, darunter viele Plünderer, irre Kultisten und Mitglieder der mysteriösen NERO-Organisation. Das Spiel entspricht überhaupt nicht meinen Erwartungen und das meine ich im höchst positiven Sinne.

Umso krasser fühlten sich die brenzligen Höhepunkte an, wenn ich mit Freaker-Hundertschaften konfrontiert wurde und echte Angst in mir aufkeimte. Offenen Auseinandersetzungen kann man aber dank eines durchdachten Stealth-Systems häufig aus dem Weg gehen. Dieser Aspekt erinnert sehr stark an The Last of Us. Ihr schleicht von Deckung zu Deckung, studiert eure Gegner und deren Laufwege, lenkt sie gegebenenfalls mit einem Steinwurf ab, um sie lautlos von hinten auszuschalten. Es gibt sogar eine Art »Siebter Sinn«, der auf Knopfdruck Gegner, Fußspuren oder Items in nächster Nähe hervorhebt.

Hängender Freaker im Vordergrund (Days Gone)

»Days Gone« ist ein spannendes Endzeit-Abenteuer, das mich sehr positiv überrascht hat

Außerdem stehen euch für die meisten Situationen unterschiedliche Lösungswege zur Verfügung. Als ich mich still und heimlich durch ein freakerverseuchtes Camp tastete, fielen mir beispielsweise ein paar Lautsprecher auf dem Dach eines Containers auf. Nach einer kurzen Klettereinlage nahm ich die Teile genauer unter die Lupe und fand heraus, dass sie sich entfernen lassen. Anschließend habe ich mich weiter umgesehen und alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest ist. Einige Stunden später landete ich in einem weiteren Camp. Diesmal vergaß ich allerdings, die Lautsprecher zu demontieren und das wurde mir beinahe zum Verhängnis. Um in den Container zu gelangen, musste ich nämlich einen Generator anwerfen, der dummerweise die Lautsprecher aktivierte. Da Freaker von Geräuschen angezogen werden wie Motten vom Licht, war nun Dauerfeuer-Action angesagt. Schnell habe ich gelernt, solche Dinge zu meinem Vorteil zu nutzen. Einfach ein paar Fallen platzieren, ordentlich Lärm machen und schon rennen die hässlichen Schrumpelgesichter in ihr Verderben.

Auseinandersetzungen machen stets Laune und nerven nur sehr selten mit KI-Aussetzern oder unfairen Situationen. Beim Handling der Ballermänner und Nahkampfwaffen fühlte ich mich erneut an The Last of Us erinnert. Feinde mit der Shotgun zu perforieren oder mit der Axt zu bearbeiten, kommt ähnlich befriedigend und wuchtig rüber. Hat nur noch gefehlt, dass plötzlich Ellie und Joel im Hintergrund in die Kamera winken. Nicht so schön finde ich den fummeligen Waffenauswahlkranz, der sich per Knopfdruck aufrufen lässt. Im Eifer des Gefechts kam es nicht selten vor, dass Handgranaten ausgerüstet wurden, obwohl ich eigentlich zum Molotowcocktail griff. Das ist besonders ärgerlich, wenn man ein Freaker-Nest in Brand stecken soll, aber stattdessen eine Explosion verursacht.

08/15-Story & technische Macken

Spielerisch finde ich Days Gone wirklich super, aber die Story ist nicht gerade oscarverdächtig. Vieles wirkt generisch und auswechselbar, zudem waren mir die Charaktere ziemlich egal. Dass Days Gone trotz installiertem Update 1.04 von diversen Bugs geplagt wird, trübt den positiven Gesamteindruck ebenfalls. Beispielsweise verkantete sich mein Motorrad mehrmals mit Umgebungsobjekten und immer, wenn ich absteigen wollte, um das Problem zu lösen, ist Deacon einfach verreckt. Hier und da stolperte ich über Grafik-Fehler und Gestalten, die bis zu den Knien im Boden steckten. Solche Patzer sind eines PS4-Exklusiv-Titels nicht würdig.

Fazit: Days Gone ist ein spannendes Endzeit-Abenteuer, das mich sehr positiv überrascht hat, denn ehrlich gesagt hielt sich meine Vorfreude in Grenzen. Tatsächlich hatte ich schon lange nicht mehr so viel Spaß mit Stealth-Elementen und es war mir jedes Mal eine Riesenfreude, unterschiedliche Taktiken und Vorgehensweisen auszuprobieren. Die Kämpfe sind packend inszeniert und vor allem die Konfrontationen mit Freaker-Hundertschaften werde ich wohl nie mehr vergessen.