Artwork; Javelin (Anthem)
»Anthem« konnte in den USA den zweitbesten BioWare-Launch aller Zeiten einfahren

Ich verstehe es nicht. Ich kenne Leute, die pausenlos Anthem zocken und trotzdem nicht müde werden, über das Spiel zu meckern. Klar, hätte man Anthem besser machen können, aber gilt das nicht für jedes Produkt? Wobei ich beim Spielen tatsächlich mit einigen Ungereimtheiten konfrontiert wurde, die mich an der Intelligenz der Entwickler zweifeln lassen. Unterm Strich geht's aber um den reinen Spielspaß und in dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht. Wir Fans haben unzählige Stunden mit Anthem verbracht und niemand hat uns dazu gezwungen. Wie schlecht kann das Spiel also sein? Obwohl die Motivation nach Erreichen des Endgames nachgelassen hat, klinke ich mich immer noch mindestens einmal pro Woche für ein paar Stündchen ein.

Es gibt da draußen genügend Neuerscheinungen, die qualitativ deutlich schlechter sind, aber kein Spiel bekommt so schlechte Presse wie Anthem. Den vorläufigen Höhepunkt (bzw. Tiefpunkt) stellt der kürzlich veröffentlichte Kotaku-Bericht aus der Feder von Jason Schreier dar. Darin kommen anonyme BioWare-Mitarbeiter zu Wort, die über die Entstehung von Anthem wenig Gutes zu berichten haben. Die ersten fünf Jahre der Entwicklungszeit waren anscheinend von Chaos, Verzweiflung und ständigen Neustarts geprägt. Als im Rahmen der E3 2017 ein ziemlich cooler Gameplay-Trailer präsentiert wurde, befand sich das Spiel in Wirklichkeit noch in der Pre-Production-Phase. Zu jenem Zeitpunkt existierte kein einziges spielbares Level und nicht einmal ein roter Faden. Die Kritiker halten dies für eine skandalöse Enthüllung, doch gleichzeitig beweist es auch, dass BioWare das komplette Spiel in weniger als zwei Jahren aus dem Boden gestampft hat. Ich halte das durchaus für bewundernswert.

Wir Fans haben unzählige Stunden mit »Anthem« verbracht und niemand hat uns dazu gezwungen

Glas halb leer oder halb voll?

Wenn man dem Kotaku-Artikel Glauben schenken darf, grenzt es an ein Wunder, dass Anthem überhaupt so gut geworden ist. Zu verdanken haben wir das in erster Linie BioWares vielen kleinen Fußsoldaten, die sich den Arsch für das Spiel aufgerissen haben. Leider sind sie es auch, die besonders unter den Hasskommentaren, miesen Bewertungen und der negativen Presse leiden. Da macht man zwei Jahre lang unzählige Überstunden, investiert Blut und Schweiß, um letztlich doch noch ein gutes Produkt abliefern zu können, und erntet als Belohnung lediglich Hass und Gejammer. Ich möchte noch einmal klarstellen, dass mir durchaus bewusst ist, dass Anthem diverse Mängel aufweist. Diese habe ich im Review auch ausführlich thematisiert. Die zahllosen Hasskommentare und einen Metascore von 58 hat das Spiel aber keinesfalls verdient. Vergleich: Das wirklich miese Generation Zero hat einen Metascore von 51. Ich fasse es nicht!

Key Art (Mass Effect: Andromeda)
»Mass Effect: Andromeda« hat einen Metascore von lediglich 72

Interessanterweise wurde auch Mass Effect: Andromeda von einer Welle der Negativität überrollt. Ja, das Spiel hatte zum Release erhebliche Macken, aber die heftigen Reaktionen waren dennoch völlig übertrieben. Viele Leute, die sich das Spiel aufgrund der negativen Presse nicht zum Launch, sondern erst viel später gekauft hatten, waren von der guten Qualität geradezu überrascht – mich eingeschlossen. Ich gab Mass Effect: Andromeda erst nach Drängen eines Kollegen eine Chance. Er lag mir wochenlang damit in den Ohren: »Du musst das Spiel zocken. Es ist wirklich geil. Die negativen Bewertungen sind völlig überzogen.« Glücklicherweise habe ich auf ihn gehört, denn Mass Effect: Andromeda ist deutlich besser als sein Ruf.

Ich glaube, dass die Fans immer noch sauer sind, weil BioWare im Oktober 2007 von EA geschluckt wurde. Dass wenige Jahre später die Mitgründer Greg Zeschuk und Ray Muzyka ihren Abschied aus dem Unternehmen verkündeten, sorgte auch nicht unbedingt für Heiterkeit. Aber selbst wenn es seit der Übernahme durch EA nur noch bergab zu gehen scheint, haben BioWare-Produkte eine faire und objektive Bewertung verdient. Natürlich sind Reviews immer irgendwie subjektiv, aber man muss ja nicht extrakritisch sein, nur weil EA und BioWare die Finger im Spiel haben.

Glücklicherweise hat sich Anthem sehr gut verkauft, deshalb mache ich mir um die Zukunft des Titels keine Sorgen. Bleibt nur noch zu hoffen, dass es den Entwicklern gelingt, die größten Kritiker mit ein paar guten Content-Updates zu besänftigen. Ich bleibe weiterhin vorsichtig optimistisch!