Vor knapp 25 Jahren saß ich im Zug nach München – nicht, dass mich die Stadt interessiert hätte. Ich saß im Zug nach München, weil die Super-Nintendo-Fassung von Mortal Kombat 2 dort bereits erhältlich war, während die Nürnberger Händler noch auf dem Trockenen saßen. »Könnte morgen kommen, aber vielleicht auch erst am Montag.«, so die traurige Info meiner lokalen Dealer. Natürlich ist es schon irgendwie krank, einen Haufen Kohle für Zug-Tickets auszugeben und insgesamt fünf Stunden durch die Weltgeschichte zu tuckern, nur wegen eines Videospiels. Die Alternative wäre aber gewesen, bis Montag zu warten und das stand völlig außer Frage. Ich hatte mir schließlich schon eine Liste mit Special Moves und Fatalities aller Charaktere besorgt. Die zusammengetackerten Schwarz-Weiß-Seiten kosteten mich zehn Mäuse und für das Spiel durfte ich auch noch mal 120 DM hinblättern. Trotzdem bereue ich nichts!

Es fühlt sich stellenweise wie eines dieser üblen Pay2Win-Smartphone-Spiele an

Auf Mortal Kombat 11 habe ich mich auch ziemlich gefreut, aber nach meiner Test-Session ist von dieser Freude nicht mehr viel übrig geblieben. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Mortal Kombat 11 ein unsympathisches Arschlochprodukt ist. Mir ist bewusst, dass man solche Formulierungen in einem seriösen Medium nicht verwenden sollte, aber MK11 lässt mir keine andere Wahl. Es fühlt sich stellenweise wie eines dieser üblen Pay2Win-Smartphone-Spiele an, welches seine User mit einem maximalen Grind-Faktor dazu zwingt, die überteuerte In-Game-Währung zu kaufen. Der Unterschied ist, dass diese Smartphone-Spiele gratis sind, während ich für die Premium Edition von MK11 fast 90 Euro auf den Tisch legen musste.

Sub-Zero mit Axt (Mortal Kombat 11)
»Mortal Kombat 11« ist am 23. April in Deutschland komplett ungeschnitten erschienen

Genialer Einstieg

Dabei war anfangs alles so vielversprechend! Der Story-Mode ist Hochglanz-Trash der allerfeinsten Sorte. Ich verstehe bei Mortal Kombats Geschichte generell nur noch Bahnhof, aber es geht wieder einmal um die Rettung des Universums, glaube ich. Die Inszenierung ist absolut kinoreif, die Mimik der Figuren wirkt stellenweise derart realistisch, dass der berüchtigte Uncanny-Valley-Effekt auftritt. Das in zahlreichen Zwischensequenzen erzählte Abenteuer mutet wie eine Michael-Bay-Produktion an. Soll heißen, dass wenig Hirn, aber jede Menge Production Value drinsteckt. Mysteriös: Da ich manchmal gegen eine jüngere/ältere/andere Version meiner selbst kämpfen musste, gibt es wohl unterschiedliche Dimensionen und Zeitebenen. Ist ja auch Wurst, denn Hauptsache Blut! (Wobei es auch nicht blutiger ist als sein Vorgänger.)

Stilistisch wird natürlich wieder alles zusammengewürfelt. Manche Figuren scheinen klassischen Samurai-Filmen entliehen, dann gibt’s typische Prügelspiel-Helden, futuristische Cyborgs, einen Gunslinger wie aus dem Western, wilde Fantasy-Kreaturen und fiese Horror-Gestalten. Das gilt auch für die Arenen, die so ziemlich jedes Klischee abdecken. Mittelalterliche Katakomben, asiatisch angehauchte Tempel, aber auch extrem futuristische Umgebungen. Die Arenen sind sehr detailreich gestaltet und bieten wieder eine Fülle interaktiver Elemente. Zum Beispiel Speere oder Kettensägen, die in der Gegend herumliegen und auf ihren Einsatz warten. Einmal wurde ich sogar von einem Tyrannosaurus Rex über den Haufen gerannt.

Trotzdem wirken die Fights viel taktischer und weniger hektisch als im Vorgänger. Vor allem, weil Sprint-Funktion und Ausdaueranzeige verschwunden sind. Die X-Ray-Attacken aus Mortal Kombat X hat man durch sogenannte »Fatal Blows« ersetzt und auch das verleiht MK11 eine taktischere Note. Diesen brutalen Spezialangriff könnt ihr nämlich nur einmal pro Kampf ausführen, sobald eure Lebensenergie unter einen bestimmten Wert fällt. Dadurch ist es möglich, einen scheinbar ausweglosen Fight zu drehen. Generell fühlt sich Mortal Kombat 11 wieder mehr »back to the roots« an. Kürzere Angriffsketten, weniger Auswendiglernen und mehr Fokus aufs Timing. Super!

Key Art (Mortal Kombat 11)

Ja, »Mortal Kombat 11« hätte das beste »MK«-Game aller Zeiten werden können

Versus!

Ich hatte mit dem Story-Modus eine Menge Spaß, auch wenn bereits nach knapp fünf Stunden der Abspann über den Screen flimmerte. Ich werde die Geschichte definitiv noch einmal auf einem höheren Schwierigkeitsgrad durchzocken, denn in dieser Disziplin wischt Mortal Kombat 11 mit Konkurrenten wie Soulcalibur VI oder Dead or Alive 6 ganz locker den Boden auf. Zudem werde ich etwas mehr Zeit mit dem Trainings-Modus verbringen. Dieser ist wirklich vorbildlich designt und macht das Büffeln anspruchsvoller Techniken zu einer motivierenden Sache. Der Online-Multiplayer verdient ebenfalls Lob: Ich bekam zwar nonstop auf die Fresse, aber ganz ohne Verbindungsabbrüche oder nervige Wartezeiten.

Ja, Mortal Kombat 11 hätte das beste MK-Game aller Zeiten werden können.

Das tiefe Tal der Tränen

Im Spielmodus »The Crypt« darf man sich wie in einem Third-Person-Action-Adventure frei bewegen, während man der eigenen Spielfigur über die Schulter blickt. Überall sind Kisten verstreut, die sich per Knopfdruck öffnen lassen, so lange man genügend Münzen im Gepäck hat. Lootboxen? Exakt! Auch wenn es in »The Crypt« ein paar Geheimnisse und Schalterrätsel zu lösen gibt, gerät dieser Modus, dank zufallsgeneriertem Kisten-Inhalt zum reinen Glücksspiel. Als Belohnung winken unter anderem Verbrauchsgegenstände, die uns im Kampf unterschiedliche Vorteile verschaffen. Darüber hinaus gibt's kosmetische Items, Artworks, Ausrüstung und so weiter.

Das Fiese ist, dass Verbrauchsgegenstände für die unterschiedlichen Tower-Herausforderungen sauwichtig sind. Ihr müsst also grinden ohne Ende, bis zufällig der von euch benötigte Inhalt erscheint. Allerdings sind Münzen ja nicht die einzige Währung. Richtig pervers sind die Herzen, die man sich mit Brutalities und Fatalities verdient. Pro Fatality verdient man gerade mal ein Herz und bereits im Startgebiet gibt es Unlockables, die sage und schreibe 250 Herzen erfordern. Selbst wenn ihr die Herzchen für ein solches Unlockable nach stundenlangem Grind endlich zusammen habt, bleibt die tatsächliche Belohnung dem Zufall überlassen.

Ebenfalls unschön: Selbst im Einzelspieler-Modus setzt MK11 eine ständige Internet-Verbindung voraus und kontaktiert wegen jeder Kleinigkeit die Server. Seltsamerweise lief der Online-Multiplayer-Teil bei mir superstabil und ohne Ausfälle, doch im Einzelspieler-Modus hatte ich zwei Verbindungsabbrüche, inklusive Loot-Verlust. Frage: Was passiert, wenn sich der Hersteller irgendwann dazu entschließt, die Server abzuschalten? Antwort: Dann ist nicht nur der Mehrspieler-Modus futsch, sondern auch die Singleplayer-Inhalte. Mein 25 Jahre altes MK2 kann ich heute noch spielen, aber wenn sich der Betrieb der MK11-Server für Warner Bros Interactive Entertainment nicht mehr lohnt, ist der Ofen aus.

Dass die technisch verhunzte PC-Version seltsame Grafikfehler produziert und in manchen Bereichen die Framerate auf 30 fps drosselt, fällt da kaum noch ins Gewicht. Ich will es aber wenigstens erwähnt haben.

Fazit: Lootboxen, Online-Zwang und Grinding aus der Hölle machen Mortal Kombat 11 kaputt. Viele meiner Kollegen sehen das weniger eng und ehrlich gesagt, muss ich mich doch sehr darüber wundern. Wer ein derart schamloses Geschäftsmodell mit guten Bewertungen belohnt, stellt höchstpersönlich die Weichen für noch heftigere Abzockmechanismen.