Seit Jahrzehnten versuchen Klimaschützer unsere Wälder zu retten und dann taucht in Devil May Cry 5 plötzlich ein gigantischer Baum auf, um seine Wurzeln mit Menschenblut zu tränken. Welche Ironie! Schuld ist ein mächtiger Dämon namens Urizen, der die Menschheit blablablabla… Die Story bietet das typische Nippon-Dämonen-Weltuntergangsszenario und die einzige erzählerische Besonderheit stellen die »witzigen« Sprüche der Protagonisten dar. Fast alle Monologe und Dialoge bergen höchstes Fremdschämpotenzial, aber das gehört bei Devil May Cry eben dazu. Hier muss einfach alles Over the top sein.

In DMC 5 besteht die Heldentruppe aus vier Personen: Dante, Nero, V und Nico. Während ihr abwechselnd in die Haut der drei Typen schlüpfen und Monster zu Klump hauen dürft, versorgt euch Bastlerin Nico zwischen den Missionen mit neuem Equipment sowie Skill-Upgrades. Komischerweise haben sich bisher noch keine übereifrigen Feministen über die passive Rolle der einzigen Frau im Team aufgeregt. Andererseits gibt es Situationen, in denen Nico ein gewisses Interesse am eigenen Geschlecht zeigt und das ist schon irgendwie progressiv.

Nero steht auf einer Rakete (Devil May Cry 5)
In »Devil May Cry« muss einfach alles Over the top sein

Schnetzel-Orgasmus

Es ist eine gewagte Behauptung, doch ich bin der festen Überzeugung, dass Devil May Cry 5 das beste Hack-and-Slay-Kampfsystem aller Zeiten bietet. Es ist im Grunde supersimpel zu erlernen, doch unter seiner Oberfläche verbirgt sich eine hochkomplexe Struktur. Vor allem Dantes Move-Repertoire wirkt wie ein Fass ohne Boden und belohnt fleißige Spieler mit bahnbrechenden Vernichtungsmöglichkeiten. In keinem anderen Spiel kann ich meine Feinde elegant mit Nunchakus weichklopfen, um sie anschließend mit einem Motorrad zu überfahren. Dass sich das fette Bike teilen und in zwei Kettensägen verwandeln lässt, sollte dabei nicht unerwähnt bleiben.

Die Moves sind einfach total irre und extrem abwechslungsreich. Selbst nach dem dritten Durchspielen habe ich bei Dante neue Combo-Möglichkeiten entdeckt. Die anderen Figuren spielen sich komplett anders, wobei Nero ebenfalls mit Schusswaffen und Schwertern hantieren darf. Bei ihm liegt der Fokus aber auf künstlichen Armprothesen, die ihm unterschiedliche Fähigkeiten verleihen. Beispielsweise kann Nero eine der Prothesen wie eine Rakete abfeuern und darauf surfen. Völlig bescheuert, aber unheimlich befriedigend und unterhaltsam.

Dante auf Motorrad (Devil May Cry 5)
In keinem anderen Spiel kann ich meine Feinde elegant mit Nunchakus weichklopfen, um sie anschließend mit einem Motorrad zu überfahren

V, der gebrechliche Emo-Goth-Charakter, hat mir anfangs Probleme bereitet. Er wirkt extrem unsympathisch, da er optisch eine Mischung aus Final Fantasy 15-Held, Criss-Angel-Illusionist und Columbine-Amok-Schütze darstellt. Außerdem kämpft er nicht so richtig, sondern lässt magische Kreaturen auf seine Gegner los: Vogel, Panther und eine Art Golem. Die ersten Kämpfe mit V fühlten sich wie Button-Mashing an, weil die Viecher unterschiedlich präzise reagieren. Es war ein massiver Dämpfer für meine Motivation. Tatsächlich habe ich das Spiel beendet und erst einmal eine Runde Anthem gezockt, weil mein Einstieg mit V so unbefriedigend war. Allerdings hat es irgendwann »Klick« gemacht und plötzlich war alles anders. Ich kann es nur schwer erklären, aber mit V zu spielen ist wie Koop-Action mit pseudo-selbstständigen Partnern. Ähnlich wie in God of War, wo Kratos von seinem Sohn begleitet wird. In DMC 5 sind es eben drei Söhne und einer davon ist so groß wie ein Haus.

Zu Beginn war V ein Ärgernis, doch nach über 30 Stunden hat er sich zu meinem Favoriten gemausert. Es ist unglaublich unterhaltsam, auf dem Rücken eines Golems durch Gegner zu pflügen, während mein Vogel Blitze auf die Erde prasseln lässt und der schwarze Panther die Reste abtrocknet. Wenn das Ganze auch noch mit einer »Smokin' Sexy Style!«-Einblendung honoriert wird, kennt meine Freude keine Grenzen.

Die langweiligste Welt der Welt

DMC 5 ist ein Spiel der Extreme. Das Kampfsystem ist unglaublich dynamisch und abwechslungsreich, dafür könnte die Spielwelt selbst nicht eintöniger sein. Im Endeffekt bewegt ihr euch immer nur durch lange Schläuche, die sich stark ähneln. Manchmal lief ich versehentlich in die falsche Richtung, weil die optische Tristesse die Orientierung erschwert. Ob ein Weg bereits beschritten wurde, erkannte ich häufig nur anhand der Sammel-Objekte, welche überall in der Welt verstreut sind. Besonders schlimm wird es später, wenn die Umgebung nur noch aus Schleimgekröse in unterschiedlichen Schattierungen besteht. Offenbar hat Capcom 99,9 % der Ressourcen ins Kampfsystem und 0,1 % in die Gestaltung der Spielwelt gesteckt.

Trotzdem liebe ich »DMC 5«, weil das Kampfsystem unheimlich abwechslungsreich und ausgeklügelt ist

Wenigstens hat man es sich nicht nehmen lassen, kleine Abzweigungen und Geheimnisse zu implementieren. Auch wenn die Umgebung eintönig wirkt, lohnt es sich, die Augen offen zu halten. So findet man nicht nur Bruchstücke, welche die Lebensleiste vergrößern, sondern auch versteckte Herausforderungen. Darin müsst ihr Gegnerwellen dezimieren, ohne getroffen zu werden, den Combo-Zähler über einem bestimmten Wert halten und so weiter.

Fazit: Die schlauchartigen und vor allem extrem langweiligen Umgebungen haben mich geradezu schockiert. Hätte man die Spielwelt nur mit Ziegelsteinen tapeziert, wäre das auch nicht viel schlimmer gewesen. Trotzdem liebe ich DMC 5, weil das Kampfsystem unheimlich abwechslungsreich und ausgeklügelt ist. Es flutscht nicht nur und fühlt sich wuchtig an, sondern es glänzt mit genau der richtigen Dosis Komplexität. Man kann das Kampfsystem gar nicht genug loben, denn es macht jede Auseinandersetzung zu einem Highlight. Ich befinde mich im vierten Durchlauf und mit jedem Mal fühlt es sich besser an. Respekt, Capcom!