Ich habe Metro 2033 geliebt, weil der Mix aus Ego-Shooter und Survival-Horror damals (2010) sehr innovativ rüberkam. Nach einem Atomkrieg in Moskaus U-Bahn-Netz herumzuballern, fühlte sich einfach erfrischend an. Als drei Jahre später Metro: Last Light erschien, deutete alles auf einen weiteren Knaller hin, doch irgendwie hatten die trostlosen Ruinen und Tunnel den Reiz des Neuen verloren. Die Welt von Metro wirkte nicht mehr beklemmend, sondern eher monoton. Außerdem irrten meine Gegner wie kopflose Hühner durch die Gegend und raubten den Schießereien jegliche Spannung.

Die Vorfreude auf Metro Exodus hielt sich deshalb in Grenzen und in den ersten Spielminuten, schienen sich meine schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Wieder musste ich durch düstere Schläuche hetzen, um jene behaarten Monster über den Haufen zu ballern, die mir schon in den Vorgängern viel zu häufig begegneten. Das Spiel lief noch keine fünf Minuten und ich hatte bereits keinen Bock mehr.

Krasser Twist: Jetzt, etwa 26 Stunden später, sitze ich vor dem Abspann und bin tieftraurig, weil eines der besten Spiele des Jahres zu Ende geht. Im Nachhinein betrachtet, entpuppt sich der altbackene Einstieg von Metro Exodus als eine geniale Idee, weil er Vergangenheit und Zukunft der Serie perfekt miteinander verknüpft. Das Spiel befreit uns nach wenigen Minuten quasi aus dem muffigen Untergrund, um uns in die große weite Welt zu entführen.

Tote Welt voller Leben

Ihr schlüpft erneut in die Rolle des furchtlosen Jünglings Artjom. Während sich seine Mitmenschen damit abgefunden haben, in Moskauer U-Bahn-Tunneln zu versauern, träumt er immer noch von einem Leben unter freiem Himmel. Also unternimmt Artjom regelmäßige Trips an die Oberfläche, um nach anderen Siedlungen Ausschau zu halten. Leider vergeblich. Ist Moskau wirklich die letzte Bastion der Menschheit? Ich verrate lediglich, dass gewisse Ereignisse losgetreten werden, die Artjom und seine Mitstreiter zwingen, den Untergrund zu verlassen und das postapokalyptische Russland mit einer Dampflokomotive zu durchqueren.

Lokomotive (Metro Exodus)
Artjom und seine Mitstreiter durchqueren das postapokalyptische Russland mit einer Dampflokomotive

Die lustige Zugfahrt wird immer wieder unterbrochen, zum Beispiel, weil die Wasser- und Kohlevorräte zur Neige gehen oder gewisse Objekte den Weg versperren. Dann heißt es für Artjom und seine Kameraden: Aussteigen, Welt erkunden und Probleme lösen! Die Spielwelt würde ich als Pseudo-Open-World bezeichnen und das ist durchaus positiv gemeint. Während ihr beispielsweise in Red Dead Redemption 2 die komplette Karte nach Lust und Laune bereisen dürft, ist Metro Exodus in einzelne Levels aufgeteilt, die aber ziemlich groß ausfallen. Davon profitiert nicht nur die Story, sondern auch die Missionsstruktur. In den meisten Open World-Spielen müsst ihr immer wieder die Map aufrufen, um Aufträge und Missionen ausfindig zu machen. Ihr verbringt eine Menge Zeit damit, von einem Missions-Marker zum nächsten zu eilen. In Metro Exodus verliert ihr aber nie den roten Faden, weil die Missionen nahtlos ins Geschehen eingebettet wurden. Dennoch finden sich in den Levels genügend Fragezeichen und Points of Interest, die neugierige Entdeckernaturen mit Loot und Nebenquests belohnen. So entsteht ein natürliches Gefühl der Progression und das ist deutlich motivierender, als im Assassins Creed-Style ellenlange Menüs mit Aufgabenlisten abzuarbeiten.

Damit sich Artjom nicht die Füße plattläuft, stehen ihm diverse Fortbewegungsmittel zur Verfügung. Neben der bereits erwähnten Lokomotive bringen euch Boote und Autos schneller von A nach B. Die Levels sind aber nicht nur groß, sondern auch optisch und spielerisch abwechslungsreich. In einer sumpfigen Winterlandschaft begegnet man eben ganz anderen Herausforderungen und Gegnern als in einem staubtrockenen Wüstengebiet. Dabei stolpert Artjom über feindliche Camps, verlassene Gebäude und Ruinen, die zum vorsichtigen Erkunden einladen. Apropos: Die Tageszeit spielt bei Artjoms Ausflügen eine sehr große Rolle. Im Schutz der Dunkelheit kann sich Artjom unauffälliger bewegen und vielen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen. Allerdings tummeln sich nachts in manchen Gegenden besonders gefährliche Kreaturen.

Ballern, Looten & Craften

Metro Exodus ist zwar immer noch ein Ego-Shooter, doch der Baller-Anteil wurde etwas zurückgeschraubt, um die Erkundung der Spielwelt mehr ins Zentrum zu rücken. Es lohnt sich, unterwegs die Augen offenzuhalten, weil ihr neben jeder Menge Crafting-Material auch Ausrüstungsgegenstände und Waffenkomponenten finden könnt. Wummen lassen sich auf die unterschiedlichsten Arten pimpen und so den eigenen Anforderungen anpassen. Beispielsweise habe ich mir eine schallgedämpfte Pistole gebaut und mit einer Nachtsichtoptik ausgestattet, um in der Dunkelheit noch bequemer aufräumen zu können. Meine Schrotflinte macht dank Vierfachlauf selbst mit widerstandsfähigen Gegnern kurzen Prozess. Ausrüstung und Klamotten lassen sich ebenfalls aufrüsten. Robustere Schutzmasken, Nachtsichtgeräte, vergrößerten Taschen oder Bewegungsmelder fürs Handgelenk erleichtern Artjoms Heldendasein.

Frau mit einem Flammenwerfer (Metro Exodus)

Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich 4A Games für den nächsten Teil nicht wieder sechs Jahre Zeit lässt

In Metro Exodus begegnet ihr kleinen und großen Monstern, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Beispielsweise gibt es fiese Insekten, die sehr lichtempfindlich sind und daher den Lichtkegel eurer Taschenlampe meiden. Menschliche Gegner gehen in Deckung und ergeben sich sogar, wenn die Lage für sie aussichtslos erscheint. Manche Kreaturen scheren sich einen Dreck um die eigene Sicherheit und stürmen schnurstracks auf Artjom zu. Gerade in höheren Schwierigkeitsstufen sorgen die verschiedenen Verhaltensweisen für angenehme Abwechslung.

In einer der späteren Missionen nimmt euch das Spiel eure Waffensammlung weg und ihr müsst lediglich mit einer Armbrust bewaffnet ums nackte Überleben kämpfen. In solchen Momenten merkt man erst, wie gravierend sich das Waffen-Modding auf das Gameplay auswirkt. Ohne meine Lieblingswummen musste ich meine Spielweise komplett ändern, um nicht vorschnell ins Gras zu beißen.

Technisch eindrucksvoll

Ich habe die PC-Version von Metro Exodus mit maximalen Grafik-Settings gespielt. Dank Geforce RTX 2080Ti konnte ich sogar Echtzeit-Raytracing aktivieren und von besonders realistischen Lichtquellen und Reflexionen profitieren. Stellenweise ist die Optik geradezu atemberaubend und glänzt mit gestochen scharfen Texturen, genialen Effekten sowie verschwenderischen Details. Allerdings schwankt die grafische Qualität je nach Umgebung und gerade im Wüstengebiet nimmt das unschöne Formen an. Hier werdet ihr immer wieder mit matschigen Texturen und detailarmen Objekten konfrontiert.

Auch unschön: Menschliche Gegner hinterlassen nach ihrem Ableben Loot, aber getötete Monster so gut wie nie. Einen geflügelten Dämon unsanft vom Himmel zu holen, ist gar nicht so einfach. Wäre es nicht toll, wenn so ein toughes Monster seltene Upgrade-Materialien ausspucken würde? Auf diese Art hätte man den coolen Crafting-Aspekt noch viel besser machen können. Wenn wir schon bei verbesserungswürdigen Kleinigkeiten sind: Das Waffenreinigungs-Feature nervt. Es mag realistisch sein, dass die Waffen mit der Zeit durch Verschmutzung ihre Effektivität verlieren, aber es bereichert das Gameplay in keiner Weise.

Fazit: Trotz der genannten Mängel hat mich Metro Exodus wirklich bis zur letzten Sekunde gefesselt und ich freue mich schon darauf, das Spiel mit einem höheren Schwierigkeitsgrad erneut anzugehen. Vor allem, weil die Entwickler mehrere alternative Enden eingebaut haben. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich 4A Games für den nächsten Teil nicht wieder sechs Jahre Zeit lässt.