Ich bin alt und leicht zu verwirren. Origin-Access-Premier-Abonnenten konnten Anthem bereits am 15. Februar starten. Dasselbe gilt für Xbox-Gamer mit EA-Access-Abo, allerdings durften die nur 10 Stunden in den Early Access reinschnuppern. Standard-Vorbesteller müssen bis zum 22. Februar warten und ich verstehe nur Bahnhof. Wenn man eine Tabelle bemühen muss, um den Release-Termin eines Videospiels zu kommunizieren, dann läuft etwas falsch.

Ich habe ja bereits diverse VIP- und Standard-Demos von Anthem gezockt und ihr habt wahrscheinlich schon mehrere Dutzend Artikel und Videos konsumiert, die EAs SciFi-Shooter haarklein sezieren. Deshalb möchte ich in meinem Test gar nicht mehr auf die einzelnen Mechaniken eingehen, sondern einfach eine grundlegende Frage beantworten: Macht Anthem Spaß und würde ich dafür Geld ausgeben?

Im Endeffekt ist Anthem einfach zu erklären: Ihr schlüpft in eine Art Iron Man-Anzug, um alleine oder mit Freunden böse Kreaturen von der Planetenoberfläche zu brutzeln. Das Ganze ist in eine generische Fantasy-SciFi-Geschichte eingebettet und ich muss ehrlich zugeben, dass ich keine Ahnung mehr habe, worum es eigentlich geht. Die meisten Zwischensequenzen und Dialoge habe ich entnervt weggeklickt. Könnte auch an mir liegen, weil mir dieser seltsame Mix aus Science Fiction und mittelalterlichem Folklore-Geschwurbel bereits bei Destiny auf den Senkel ging.

Colossus im Kampf (Anthem)
Der Colossus ist langsam, aber extrem widerstandsfähig

Beste Action

Anthem hat seine Schwächen, hält mich mit seiner fett inszenierten Action, dennoch bei der Stange. Die verschiedenen Exo-Anzüge (Javelins) verleihen dem Gameplay die nötige Abwechslung. Ich würde definitiv sagen, dass sich die vier Javelins spielerisch deutlich stärker voneinander unterscheiden, als es die Hüter-Klassen in Destiny 2 tun. Mit dem Storm-Javelin könnt ihr durch die Gegend flitzen, Gegner einfrieren, Kettenblitze auslösen und quasi wie ein mächtiger Jet-Pack-Zauberer agieren. Der Colossus ist das genaue Gegenteil. Er fährt sein fettes Schild aus und bumst mit heftiger Artillerie ganze Gegnerhorden weg. Der Colossus ist langsam, aber extrem widerstandsfähig und ich liebe ihn. Es ist geradezu euphorisierend, wenn die Gegner um einen herum in riesigen Feuerbällen und Explosionen vergehen, während man selbst nur ein paar Kratzer abbekommt.

Zwar unterscheiden sich Anthem und Destiny 2 spielerisch deutlich voneinander, doch beide Titel eint der GaaS-Gedanke (Games as a Service) sowie ein nahtloser Übergang zwischen Single- und Multiplayer-Action. Ihr könnt euch im freien Spiel an der Open World ergötzen, Gegner perforieren und Rohstoffe sammeln oder Aufträge sowie Missionen absolvieren. Was Destiny und Anthem außerdem verbindet, ist die mangelnde Kreativität in Sachen Missions-Design und Battle-Tactics. Selbst richtig dicke Gegner setzen keine spezielle Strategie oder Finesse voraus. Sie schlucken einfach nur mehr Blei, bevor sie den Löffel abgeben.

Offenes Visier (Anthem)

Mittlerweile konnte ich etwa 30 Stunden investieren und habe immer noch Bock auf »Anthem« – trotz der genannten Mängel

Die Mechaniken sind stets supersimpel. Mal müsst ihr eine bestimmte Zahl leuchtender Orbs einsammeln, um den Weg in den nächsten Abschnitt zu öffnen, dann wieder irgendein Gerät aktivieren und Gegnerhorden wegmetzeln, bis das Teil hochfährt. Das ist weder smart, noch besonders kreativ, aber weil die Kämpfe richtig Spaß machen, stört es nicht wirklich. Auch das kennt man bereits von Destiny. Wenn das Grundgerüst stimmt, fallen weniger attraktive Details eben nicht so schwer ins Gewicht.

Wo sama? Bin Laden!

Wenn ihr mit menschlichen Mitspielern in der lebendigen Welt unterwegs seid, kommt besonders viel Freude auf. Allerdings nur, wenn ihr auch miteinander kommuniziert. Ansonsten kann es passieren, dass eure Mitstreiter im Turbo-Modus zur nächsten Aufgabe hecheln, während ihr euch noch am geilen Panorama ergötzt. Dann werdet ihr von einem Ladebildschirm gequält und unsanft zu eurem Team »gebeamt«. Vor allem für Einsteiger, die mit der Umgebung noch nicht vertraut sind, ist das extrem desorientierend. Ihr hüpft über eine Wiese und beobachtet fremdartige Kreaturen, doch plötzlich erscheint ein Ladebalken und 30 Sekunden später findet ihr euch planlos in einer düsteren Ruine wieder. WTF? Aus diesem Grund spiele ich Anthem nur mit Headset und Freunden.

Was mich total fasziniert ist die Spielwelt selbst. Alles fühlt sich irgendwie fremdartig faszinierend an und kitzelt meinen Entdeckerdrang. Wahrscheinlich nerven euch meine ständigen Destiny-Vergleiche bereits, aber ich finde die unterschiedlichen Ansätze der Titel sehr interessant. Obwohl ihr in Anthem auch viele Ruinen und verlassene Ecken zu Gesicht bekommt, ist die Welt deutlich lebendiger. Ähnlich wie der Planet Pandora in James Camerons Avatar. Ich habe deshalb etliche Stunden im Free-Roaming-Modus verbracht, um mich an Flora und Fauna zu ergötzen.

Mittlerweile konnte ich etwa 30 Stunden investieren und habe immer noch Bock auf Anthem – trotz der genannten Mängel. Es liegt noch einiges im Argen, die Performance ist nicht optimal und wie lange das Endgame bei der Stange hält, muss sich noch zeigen. Anthem birgt jedenfalls riesiges Potenzial und ich bin sehr gespannt, in welche Richtung sich das Spiel in den nächsten Monaten entwickelt. Was mich jetzt schon sehr positiv überrascht, ist der faire In-Game-Store. Die rein kosmetischen Items sind zwar nicht gerade günstig, aber bisher konnte ich mir alles selbst erspielen, ohne Kohle investieren zu müssen.

Fazit: BioWare hat noch viel Arbeit vor sich und bereits für März neue Endgame-Inhalte angekündigt. Ich bleibe weiterhin am Ball und bin vorsichtig optimistisch. Anthem ist alles andere als perfekt, aber ich fühle mich aktuell noch gut unterhalten und gerade für Destiny-müde ist Anthem bereits jetzt eine empfehlenswerte Ersatzdroge.