Oft ist es pure Geschmackssache, wie ein Game ankommt. Ich für meinen Teil liebe beispielsweise Final Fantasy XV. Den japanischen Boyband-Look finde ich super und die modernen Aspekte sind eine interessante Entwicklung des Franchise. Allerdings gefallen nicht allen Final Fantasy-Fans diese Veränderungen.

Diversität ist spannend und kann helfen, eine Idee weiterzuentwickeln. Dabei dürft ihr eine Sache niemals vergessen: Hinter jedem Videospiel steckt ein Team, das mit viel Herzblut an seinem Projekt gearbeitet hat. Es ist nur allzu natürlich, dass sie sich dementsprechend einen großen Erfolg dafür wünschen. Oft wissen Entwickler von den Fehlern, können sie aber nicht so schnell ausbessern, wie sie verbreitet werden. Social Media trägt zusätzlich dazu bei, dass vor allem negative Ereignisse schnell in aller Munde sind.

Ich kann euch dazu gleich zwei Beispiele nennen: Fallout 76 und Diablo Immortal. Während Fallout erst im Zuge der Beta-Phase und später zum Release mächtig Gegenwind einstecken musste, hat es Diablo direkt bei der Ankündigung hart getroffen. Beide Games stehen zurzeit unter keinem guten Stern.

»Diablo« kommt – aber nur als Handyspiel

Fangen wir doch mit dem Game von Blizzard an und drehen die Zeit ein wenig zurück. Es ist November 2018 und die BlizzCon ist in vollen Zügen. Blizzard weiß sehr wohl, dass sich die Fans ein neues Diablo wünschen. Aktuell könne das Unternehmen aber noch nichts zu einem vierten Teil sagen. Also hat sich der Publisher bereits im Vorfeld dazu entschieden, die Erwartungen mit einem Statement zu dämpfen: Auf der BlizzCon werden sie kein Diablo IV vorstellen.

Key Art (Diablo Immortal)
Nahezu niemand möchte ein »Diablo«-Handy-Game

Damit haben sich die Fans abgefunden – zumindest bis zum Ende einer Präsentation, die ungewöhnlich groß aufgezogen wurde. Das Publikum hielt am Ende der Show den Atem an: Wird Blizzard sie jetzt etwa überraschen? Gibt es doch die ersehnte Ankündigung zum neuen Diablo?

Nur wenige Augenblicke später dann aber die Enttäuschung: Einen Konsolen- oder PC-Titel mit dem namensgebenden Teufel wird es vorerst nicht geben. Diablo spielte in der Ankündigung trotzdem eine Rolle. Während die Kamera durch die Zuschauerreihen schwenkte, war die Wut in den Gesichtern kaum zu übersehen. Warum, fragt ihr euch? Blizzard wird den Fans ein Diablo-Game bringen – allerdings für das Smartphone.

Einer der Besucher wurde kurz darauf auf die Bühne geholt und durfte eine Frage stellen. Den jungen Mann interessierte nur eine Sache: »Ist das ein vorgezogener Aprilscherz?« Kurze Zeit später und viel Kritik hinnehmend, rutschte einem der Speaker ein Kommentar raus, den er lieber hätte überdenken sollen: »Habt ihr alle kein Smartphone?«

Doch, natürlich. Aber nahezu niemand möchte ein Diablo-Handy-Game. Seit diesem Tag regnet es im Internet Kritik für Blizzard.

»Fallout 76« kommt mit lauter Bugs

Ähnlich viele Kommentare muss Bethesda zurzeit lesen. Sie haben mit Fallout 76 einen großen Schritt gewagt und ein Multiplayer-Game veröffentlicht, das komplett auf NPCs verzichtet. Neben nuklearen Gefahren sind es vor allem die Spieler im PVP, welche hier die größte Bedrohung darstellen. Die Vorfreude war groß, die Enttäuschung bereits nach der Beta noch größer: Fallout 76 ist ein riesiges Bugfest. Üblicherweise werden die gefundenen Fehler noch während oder direkt nach der Testphase behoben. In diesem Fall(out) waren die Entwickler wohl weniger gründlich.

Key Art (Fallout 76)

Bei »Fallout 76« lief so ziemlich alles schief, was schief laufen konnte

Das Segeltuch-Taschen-Desaster

Einen zusätzlichen Aufreger stellen die Segeltuch-Taschen dar, die aufgrund von beschwerlicher Materialbeschaffung durch Plastik in der CE ausgetauscht wurden. Influencer hingegen durften sich über Rucksäcke aus genau diesem Material freuen. Beim Versuch, das Ganze wieder geradezubiegen, veröffentlichte der Publisher aus Versehen einige Kundendaten. Ein Shitstorm war vorprogrammiert.

Auch »FF XIV« floppte zunächst

Es ist nicht immer leicht, richtig mit Kritik umzugehen. Ein falsches Wort und die Situation verschlimmert sich binnen Sekunden. Der amerikanische Ex-CEO von Square Enix, Mike Fisher, kennt sich damit aus. Er war vor einigen Jahren für Final Fantasy XIV verantwortlich, das bei seiner Erstveröffentlichung 2010 ordentlich floppte. Die Kritiken der Fachpresse lagen weit unter 50 %. Eine solche Bewertung war völlig undenkbar für ein Spiel, das von diesem Franchise abstammt.

Wie wir heute wissen, ist Final Fantasy XIV auch 2019 noch ein riesiger Hit und wird von Spielern auf der ganzen Welt gezockt. Aber wie kann das sein?

Mike Fisher startete einen radikalen Plan

Eine einfache Entschuldigung reichte in Fishers Augen nicht aus. Ist ein Problem derart groß (geworden), muss jemand Wichtiges herangezogen werden, der weit über einem PR-Vertreter steht. Der CEO beispielsweise. Also ließ er damals Yoichi Wada sprechen, der sich zwei Monate nach dem offiziellen Release persönlich bei den Fans entschuldigte.

Doch das war erst der Anfang: Sein Team hat sich dazu entschlossen, die kostenfreie Testzeit für das Spiel zu verlängern. Jeden Monat Geld für ein Game zu bezahlen, mit dem man unzufrieden ist, würde nur noch mehr Ärger produzieren.

Einen weiteren Schritt stellte das Einsetzen eines neuen Producers dar. Nach langen Diskussionen und Brainstorming mit dem Kernteam war klar: Hier müssen sie noch einmal von vorn anfangen. Diese Idee war gleichzeitig verrückt und genial. Auf einem Blog haben sie die Fans immer über alle Veränderungen informiert.

Key Art (Final Fantasy XIV: A Realm Reborn)
»Final Fantasy XIV: A Realm Reborn« konnte wieder gewohnt hohe Bewertungen erzielen

Drei Jahre nach Release erschien Final Fantasy XIV: A Realm Reborn und erhielt die vom Franchise gewohnten Metacritics von weit über 80 Punkten. Fishers Plan ging auf.

Sein Weg für »Fallout 76« und »Diablo Immortal«

Erfahrungen zu teilen, hat uns bereits in der Evolution weit vorangebracht. Das könnte auch hier der Fall sein. Also wendete sich der Ex-CEO an die beiden Publisher und teilte seine Erfahrungen öffentlich.

In dem Artikel auf VentureBeat schrieb Fisher, dass Bethesda und Blizzard kein PR-Problem hätten, sondern ein Vertrauensproblem. Und das lässt sich nicht mit dahingeklatschten Mini-Aussagen von Marketingspezialisten wieder ausbügeln. Das ist einfach nicht genug.

Sein Drei-Punkte-Plan:

  1. Den Fehler erkennen
  2. Für den Fehler entschuldigen
  3. Die Fans in den Arbeitsprozess miteinbeziehen

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das kein leichter Weg war. Ein Spiel nach Release noch einmal komplett auf den Kopf zu stellen, ist gewagt. Wenn man allerdings wie Fallout 76 so viel Kritik einstecken musste, kann man ruhig etwas wagen. Bei Diablo Immortal liegt das Problem hingegen nicht am Gameplay oder an Bugs, sondern an dem Umgang mit den Fans. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Publisher Fishers Vorschlägen annehmen und wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickelt.