Ich fühle mich gerade sehr alt. Mir war überhaupt nicht bewusst, dass die Veröffentlichung von »X: Beyond the Frontier« bereits knappe 20 Jahre zurückliegt. Kommt mir eher wie gestern vor. Wie krass es sich damals anfühlte, einsam und alleine mit meinem Xperimental Shuttle in einem fremden Universum zu stranden. Ich begann das Spiel als kleines Licht, das Angst davor hatte, ausgelöscht zu werden. 24 Stunden später errichtete ich bereits mein erstes Sonnenkraftwerk und meine Furcht verwandelte sich in Ambition. Ich wollte nicht einfach nur überleben, sondern der mächtigste Händler des Alls werden.

Ich verbrachte mehrere Monate mit X, da es unglaublich viel zu entdecken gab. Dabei bin ich nie ein großer Freund von Wirtschaftssimulationen gewesen. In diesem Fall schmiegte sich der Handelsteil aber perfekt zwischen die Space-Exploration und das 3D-Raumschiffgeballer. X war wie für mich gemacht. Denselben Satz habe ich im Laufe der Jahre übrigens von sehr vielen Fans der Serie gehört. Es mag da draußen durchaus interessante Genre-Kollegen geben, doch selbst das extrem ambitionierte Star Citizen bildet für mich keine echte Alternative.

Egosoft entwickelte diverse Fortsetzungen sowie Erweiterungen und, ehrlich gesagt, fand ich nicht alle gut. Dass sie stets ihrer Linie treu blieben und sich weigerten, das anspruchsvolle Konzept zu verwässern, verdient aber größten Respekt. Während die meisten Blockbuster-Serien spielerisch immer simpler wurden, behielt X seine Komplexität bei. Gilt natürlich auch für das neueste Kapitel »X4: Foundations«. Allerdings hat man sich das Feedback der Fans zu Herzen genommen, zeitgemäße Komfortfunktionen integriert und allzu sperrigen Interface-Ballast entfernt.

Raumhafen mit Raumschiff (X4: Foundations)
»X4: Foundations« könnte nicht nur alle Vorgänger, sondern sämtliche Space-Simulationen in den Schatten stellen

Welten stehen uns offen

Ich möchte mich für den viel zu langen Einstieg entschuldigen, aber manchmal muss man etwas ausholen, um der besonderen Gravität eines Produktes gerecht zu werden. Schließlich könnte Egosoft mit »X4: Foundations« nicht nur sämtliche Vorgänger, sondern überhaupt alle Space-Simulationen da draußen in den Schatten stellen. Die Entwickler wollten die größte und spielerisch abwechslungsreichste Weltraumspielwiese aller Zeiten kreieren. Frei nach dem Motto: Open World war gestern. Jetzt ist Open Universe angesagt.

Das grundlegende Spielprinzip hat sich nicht verändert: Es geht darum, die unendlichen Weiten des Alls zu erforschen, Handel mit außerirdischen Lebensformen zu treiben, und weil einige dieser Aliens ziemlich unfreundlich sind, kommen auch Fans packender Weltraumkämpfe nicht zu kurz. Klingt schön, aber das wahre Kunststück ist, diese einzelnen Elemente perfekt zusammenzufügen, sodass am Ende ein motivierendes Gesamtpaket entsteht. Zu viel Weltraum-Action könnte die WiSim-Freunde abschrecken, aber genauso wenig möchte ich mich stundenlang durch Tabellen klicken. Die ersten Gameplay-Videos stimmen mich jedoch sehr zuversichtlich und konnten meine Vorfreude sogar noch steigern. Egosoft scheint die Balance gut hinbekommen zu haben.

Pilot in Kontrollraum eines Raumschiffes (X4: Foundations)
Der Verlauf des Abenteuers liegt stets in den Händen des Spielers

Interaktive 3D-Sternenkarte

Besonders stolz sind die Entwickler auf ihre interaktive Map. Die 3D-Sternenkarte soll den Spielern nicht einfach nur die Navigation erleichtern. Laut Bernd Lehahn, Managing Director von Egosoft, lässt sich das Spiel über diese Ansicht fast wie ein Echtzeit-Strategiespiel steuern. Auch wichtige Informationen über das eigene Handelsimperium werden hier abgebildet, damit wir uns nicht durch ellenlange Zahlenkolonnen quälen müssen. Richtig cool finde ich, dass selbst der Ausbau eigener Gerätschaften und Stationen über diese dreidimensionale Karte geregelt werden kann.

Ebenfalls schön: Es gibt keine Ingame-Ladepausen. Wir können also in unseren Jäger steigen und die Raumstation verlassen, um ein paar Sektoren weiter eine Piratenflotte zu vernichten. Danach fliegen wir zu einer anderen Station, wo ein weiteres Schiff geparkt wurde. Auf der Station hören wir uns nach lukrativen Gelegenheiten um, inspizieren die Brücke unseres Gleiters und schon geht’s weiter zum nächsten Abenteuer. Wir bekommen fremdartige Wesen, unterschiedlichste Schiffstypen, Waren und Upgrades zu Gesicht, aber keinen einzigen Ladebildschirm.

Viele Wege führen zur Macht

Egosoft verspricht darüber hinaus eine ausgeklügelte künstliche Intelligenz, die das Fundament eines Universums bildet, das nur teilweise auf dem digitalen Reißbrett entstanden ist. Ein Teil der Spielumgebung wird prozedural generiert und das gesamte Geschehen dynamisch simuliert. Das bedeutet auch, dass die computergesteuerten Wesen eigene Zivilisationen aufbauen, Waren herstellen, Ressourcen abbauen und dabei nachvollziehbar auf die Handlungen des Spielers reagieren. Man könnte auch sagen, dass wir an der Evolution virtuellen außerirdischen Lebens teilhaben dürfen.

Auch nicht unerwähnt bleiben sollte die Tatsache, dass X4 verschiedene Ausgangsszenarien und Handlungsstränge bietet. Wir Spieler steuern den Verlauf des Abenteuers selbst, während jede Entscheidung unseren Ruf beeinflusst. Es gilt also bei sämtlichen Handlungen auch die langfristigen Konsequenzen im Hinterkopf zu behalten, sonst können Freunde ganz schnell zu Feinden werden.

Eine Entscheidung, die wir ganz sicher nicht bereuen werden: den Veröffentlichungstermin von »X4: Foundations« ganz dick im Kalender angestrichen zu haben. Der Titel erscheint am 30. November exklusiv für PC.